IFH KÖLN über beschleunigten Strukturwandel

Das Wachstum des Onlinehandels ist einer jener Faktoren, die stark von Corona beeinflusst werden. Symbolbild: Pexels / Andrea Piacquadio

Neue Zahlen von IFH KÖLN und Professor Dr. Werner Reinartz von der Universität zu Köln zeigen: Pandemiebedingt beschleunigt sich der Strukturwandel im Handel um zirka sieben bis acht Jahre. Geschäftsaufgaben, Onlinewachstum und Formatverschiebungen treten in nie dagewesener Dynamik auf. Für Unternehmen gilt es, Schritt zu halten.

Die Lage im deutschen Handel ist ernst – die Pandemie und die Digitalisierung haben Kundenverhalten und Wettbewerbssituation maßgeblich beeinflusst, so das IHK KÖLN. Die Geschwindigkeit, mit der Veränderungen im Markt sichtbar werden, hat drastisch zugenommen. Beispiel Geschäftsaufgaben: Durch die Coronapandemie hat sich der Zeithorizont für Prognosen deutlich verkürzt – und zwar um rund sieben Jahre. Bis 2023 werden laut Expert*innen bis zu einem Fünftel der stationären Läden ihre Türen schließen müssen – also bis zu 80.000 Geschäfte. Für das bestehende Jahr spannt sich die Situation kurzfristig zusätzlich durch liquiditätsbedingte Engpässe, die durch den Shutdown entstehen, weiter an.

Onlinewachstum auf Überholspur

Online wächst auch ohne Corona. Doch mit Corona bekommt die Onlinedynamik noch einmal weiteren Schub. Rechneten die IFH-Expert*innen bisher mit einem Onlineanteil von bis zu 22 Prozent bis 2030, werden die Vor-Corona-Prognosen zum Onlineanteil am Handel insgesamt bis zu acht Jahre früher eintreten – mit weitreichenden Folgen für die Handelswelt. Die Chancen für einen strukturierten Transformationsprozess werden durch die Pandemie und die dadurch entstandenen Liquiditätsengpässe verhindert.

„Für Unternehmen hat diese Entwicklung in erster Linie eine organisatorische Konsequenz: Es gilt, sich so aufzustellen, dass die Geschwindigkeit mitgegangen werden kann. Agilität und Innovationswille sind entscheidend für zukunftsorientierte Geschäftsmodelle“, so Dr. Eva Stüber, Expertin für Transformationen am IFH KÖLN.

 

Formatstrukturen im Wandel

Mit dem rasant wachsenden Onlineanteil einerseits und dem durch die Corona-Pandemie veränderten Bedarf der Konsument*innen andererseits haben sich die Formatstrukturen im Einzelhandel deutlich verschoben. Verloren hat vor allem der stationäre Nonfood-Fachhandel – und damit die Basis der Innenstädte. Neben dem Onlinehandel zählt auch der Lebensmitteleinzelhandel zu den Gewinnern: Rund zwölf Prozent konnte der LEH laut aktueller Hochrechnungen 2020 gegenüber 2019 an Umsatz zulegen. Und auch der Blick auf die Handelszweige zeigt ein Ausnahmejahr. Während der Fachhandel mit Bekleidung 2020 im Vergleich zu 2019 knapp ein Viertel an Umsatz verloren hat, konnte der Fahrradmarkt um fast 34 Prozent zulegen. Damit erreicht die Wachstumsratenamplitude zwischen den Handelszweigen für 2020 zirka 60 Prozent – in „normalen“ Jahren liegt diese bei etwa 15 Prozent.

„Das Coronajahr 2020 spiegelt sich eindrücklich im Kaufverhalten wider. Die Bedarfe der Konsument*innen haben sich deutlich verschoben. Belletristik statt Reiseliteratur, Ausstattung für Einzel- statt Mannschaftssport und gesteigerte Ausgaben für das eigene Zuhause resultieren in einer extremen Sonderkonjunktur“, erklärt Ökonom Professor Dr. Werner Reinartz.