HI HEUTE-Exklusivinterview mit Prof. Dr. Gerrit Heinemann (Hochschule Niederrhein)

Prof. Dr. Gerrit Heinemann (Hochschule Niederrhein) gilt als einer der führenden E-Commerce-Forscher und profiliertesten Handelsexperten im deutschsprachigen Raum.

Wie ernst ist die Lage im stationären Einzelhandel wirklich? Sind die bisher veröffentlichten Prognosen zutreffend oder müssen sie schon jetzt korrigiert werden? HI HEUTE-Chefredakteur Thorsten Müller sprach dazu mit Prof. Dr. Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein. Heinemann gilt als einer der führenden E-Commerce-Forscher und profiliertesten Handelsexperten im deutschsprachigen Raum, der während der Corona-Krise schon mehrfach in TV-Sendungen von ARD und ZDF und Gesprächspartner für bedeutende Printmedien war.

 

HI HEUTE: Mit wieviel Ladenschließungen muss der deutsche Einzelhandel bis Ende des Jahres rechnen?

Prof. Dr. Gerrit Heinemann: Es gibt Berechnungen des Instituts für Handel in Köln, dass bis 2030 ca. 64.000 Läden schließen müssen und werden. Nach meinen Analysen betrachte ich diese Zahl aber schon Ende dieses Jahres als zutreffend. Mehr noch: Ich schätze, dass sie sogar deutlich höher liegen wird. Bis zu 200.000 Geschäfte könnten bis 2021 verschwinden. Diese stammen nahezu ausschließlich aus dem Non-Food-Bereich, der durch Corona massiv betroffen ist. Aktuell liegt die Zahl der Anbieter noch bei rund 400.000. Dazu muss man wissen, dass 94 Prozent aller Händler nur 21 Prozent des gesamten deutschen Einzelhandelsumsatzes generieren. Es sind also sehr viele kleine Unternehmen bei den potenziellen Opfern dabei.

HI HEUTE: Welche Branchen sind besonders betroffen und wann werden wir das Ausmaß der Katastrophe richtig wahrnehmen können?

Prof. Dr. Gerrit Heinemann: Während des harten Shutdowns hat der stationäre Handel nach meinen Berechnungen täglich rund 400 Millionen Euro Netto-Umsatz eingebüßt – das ist im übrigen deutlich weniger als es die Brutto-Zahlen des HDE ausdrücken (1,15 Milliarden), die leider auch den Online-Handel nicht ausgrenzen, der ja nicht vom Shutdown betroffen war. Die Umsatzausfälle sind aber natürlich immer noch sehr hoch und machen bis Wiedereröffnung rund 5% des Jahresumsatzes aus. Besonders betroffen sind vor allem die Warengruppen mit einem sehr niedrigen Online-Verkauf-Anteil sowie Lieferketten aus Fernost. Sorgen machen müssen sich derzeit Anbieter von Uhren und Schmuck, dekorativer  Kosmetik und Accessoires sowie die gesamte Bekleidungsbranche, die bis Jahresende im Best Case 28,5% unter Vorjahr liegen wird.

Bei den Textilisten stapeln sich die unverkauften Frühjahrskollektionen. Lieferkettenprobleme und Cancel-Schwierigkeiten bei den schon Monate vor Corona erteilten Pre-Orders erschwerten in den letzten Monaten massiv den Business-Alltag. Nun trifft die Sommerware ein und für Herbst/Winter muss bereits jetzt bestellt werden. Ende September kann es dann für viele Unternehmen endgültig vorbei sein. Dann ist die Pflicht zum Insolvenzantrag für Firmen in Not wieder in Kraft. Parallel müssen die angehäuften Mietschulden beglichen und die bestellten Waren für die nächste Saison bezahlt werden. Wie soll das bitte erfolgreich funktionieren?

HI HEUTE: Gibt es aus Ihrer Sicht noch Chancen, die Schließungswelle einzudämmen?

Prof. Dr. Gerrit Heinemann: Grundsätzlich ist das natürlich extrem schwierig, aber natürlich ist es für einzelne Unternehmen möglich. Es kommt dabei auf folgende Punkte an. Erstens muss man erstmal die Lage realistisch beurteilen und dabei die wichtigsten Szenarien berücksichtigen. Dann sollte man seine Kosten und Liquiditätsabflüsse, soweit es geht, radikal runterfahren und dabei auch die sozialen Faktoren nicht überbewerten. Denn: Wenn es die Firma nicht mehr gibt, kann auch das ungekürzte Gehalt des besten Mitarbeiters nicht mehr ausgezahlt werden. Wichtig ist aber auch nach alternativen Umsatzwegen zu suchen, beispielsweise die Online-Aktivitäten – auch ohne Online-Shop u.a. über Instagram - und vor allem den Lieferservice auszuweiten. Einige Beispiele in jüngster Zeit wie z.B. „Einzelhändler machen mobil“ in Mönchengladbach machen da durchaus Hoffnung. Aber andererseits sollten Firmen, die keinen Ausweg mehr sehen, den Mut haben, das Insolvenzverfahren selbst in die Hand zu nehmen. Eine eigenverantwortliche Firmen-Vollbremsung ist besser, als es den Gerichten zu überlassen.

 

HI HEUTE: Halten Sie die politischen Entscheidungen für zu überzogen?

Prof. Dr. Gerrit Heinemann: Nein, sie sind für mich schon nachvollziehbar. Außerdem schneiden wir im Vergleich mit anderen Ländern deutlich besser ab. Besonders, wenn man die schnellen finanziellen Unterstützungen seitens unserer Regierung sieht. Ich halte auch nichts von geforderten staatlichen Maßnahmen, die den Endkonsumenten verstärkt zum Kaufen bewegen sollen. Am Ende muss alles finanzierbar bleiben.

Erstellt von Thorsten Müller