Neuer Band von Prof. Dr. Rolf Monheim beleuchtet die Branche aus stadtgeografischer Sicht

Professor Dr. Rolf Monheim. Foto: privat

„Innenstadtintegrierte Einkaufszentren – Chancen und Risiken für eine nachhaltige Stadtentwicklung“ ist ein neuer Band von Professor i.R. Dr. Rolf Monheim, ehemals Universität Bayreuth, betitelt. Der renommierte Stadtgeograf veröffentlicht darin wichtige Erkenntnisse.

Der Band betrachtet die Bedeutung der Einkaufszentren für die Entwicklung der Innenstädte unter den Gesichtspunkten der ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Nachhaltigkeit, jeweils gegliedert nach den Merkmalen des Angebotes wie der Nachfrage. Dabei werden vorweg die Initiativen für die Nachhaltigkeit und deren Zertifizierung sowie die Problematik von Wirkungsanalysen dargestellt. In Fortführung eines 1972 begonnenen Forschungsschwerpunktes Fußgängerbereiche und Fußgängerverker in Innenstädten versteht die Untersuchung Innenstädte als komplexe Kulturerscheinungen.

Ökonomische Nachhaltigkeit

Bei der ökonomischen Nachhaltigkeit geht es beim Angebot um die Beziehungen zum Haupteinkaufsbereich hinsichtlich der räumlichen Integration, des Verhältnisses von Verkaufsflächen, Zahl und Größe der Geschäfte sowie dem Wettbewerb als Triebkraft der Angebotsdynamik. Die Klagen über die Filialisierung werden kritisch hinterfragt und die Chancen durch Agglomerationsvorteile und Nutzungsmischung verdeutlicht. Von erheblicher Bedeutung sind die Bedingungen der Immobilien- und Finanzmärkte, wobei der Mangel an geeigneten Einzelhandelsflächen zum Teil die Entwicklung des innerstädtischen Handels behindert.

Realität der Passantenfrequenzen

Seitens der Nachfrage ist zunächst das Passanten- und Besucheraufkommen relevant. Hier führen sich wandelnde Lebensstile zu einer beträchtlichen Dynamik. Dadurch werden die gängigen ökonometrischen Methoden zur Bestimmung von Kaufkraftpotenzialen, wie sie Gutachten zugrunde liegen, nicht mehr der Realität einer sich enträumlichenden Gesellschaft gerecht. Die Einzel-handelsausgaben stammen in attraktiven Innenstädten zu erheblichen Anteilen von außerhalb des zentralörtlichen Versorgungsbereichs lebenden Besuchern. Das müsste bei der Abschätzung des Impacts integrierter Einkaufszentren angemessen berücksichtigt werden. Bei der Verkehrsnachfrage geht es sowohl um die genutzten Verkehrsmittel, als auch um das Verhalten der Parkenden einschließlich ihrer Aktionsradien.

 

Lernprozesse im Gange

Professor Dr. Monheim beleuchtet für die Abschätzung der Nachhaltigkeit soziale, kulturelle und politische Gesichtspunkte. Dies beginnt aus der Perspektive des Angebotes mit der Transparenz und Offenheit der Entscheidungsprozesse. Zu deren Veranschaulichung dienen Fallstudien über Ansiedlungsprojekte, die oft verbessert, teilweise auch verhindert wurden. Hinsichtlich der Architektur und städtebaulichen Integration erfolgten inzwischen Lernprozesse zugunsten einer besseren Verträglichkeit. Von gesellschaftskritischen Wertungen belastet ist der Einfluss von Einkaufszentren auf die Kontrolle öffentlicher Räume und deren Umwandlung zu „glitzernden Konsumwelten“.

Für die Zukunftsfähigkeit von Innenstädten wichtig ist das Destinationsmanagement. Hier bestehen Defizite durch die Neigung, dass „Einzelhändler einzeln handeln“, statt sich als Standortgemeinschaft zu profilieren, im Gegensatz zu Shoppingcentern. Das Instrument der Business Improvement Districts werde zu selten genutzt, so der Experte. Auch auf die Anforderungen durch die Multichannel-Welt werde zu zögerlich reagiert. Dennoch weiche der anfängliche Alarmismus zunehmend einer Rückbesinnung auf die Stärke der Innenstadt als Ort „echter Erfahrungen und menschlicher Nähe“.

Postmoderne Erlebnisoptimierer

Nachhaltige Stadtentwicklung unter Einbeziehung integrierter Einkaufszentren beginne mit der Aufenthaltsdauer und dem Tätigkeitsspektrum der Innenstadtbesucher, der Zahl aufgesuchter Geschäfte und der Kopplung zwischen etablierten Geschäftslagen und Centern. Alle werden weithin unterschätzt. Die Verhaltensmuster haben sich jedoch vom klassisch-funktionalistischen Aufwandsminimierer zum postmodernen Erlebnisoptimierer verschoben. Wenige kommen nur zum Einkaufen gezielt in bestimmte Geschäfte, die meisten kombinieren es mit Freizeit.

Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass eine einfache Verteidigung des Status Quo gegenüber der Ansiedlung eines Einkaufszentrums keine Option für eine nachhaltige Stadtentwicklung bildet. Wichtig ist ein gemeinsames Engagement für einen vielgestaltigen Auftritt, der sich nicht auf funktionale Aufgaben beschränkt, sondern die Innenstadt mit oder ohne Center auch kulturell-emotional als „Place to be“ entwickelt. Dabei bildet die jeweilige individuelle Stadtpersönlichkeit das wichtigste Kapital.

 

Geographische Handelsforschung Band 27, Mannheim 2019, 369 Seiten, 40 Abbildungen, ISBN 978-3-947475-14-8