Gastbeitrag von Markus Wotruba, Leiter Standortforschung, BBE Handelsberatung GmbH

Markus Wotruba, BBE Handelsberatung GmbH. Foto: BBE

Der deutsche Lebensmittelhandel ist in Bewegung – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn während bis vor wenigen Jahren selbst in guten Stadtteil-Lagen jene solitären Märkte entstanden, die sich durch hohen Flächenverbrauch und anspruchslose Architektur auszeichnen, gestaltet sich der weitere Vorstoß in die Zentren zunehmend schwieriger. Zu selten finden sich Flächen, zu kompliziert sind oftmals die baurechtlichen Vorschriften. Aber Not macht bekanntlich erfinderisch. Ein Lösungsansatz, der nicht erst im vergangenen Jahr für Aufsehen sorgt hat, ist die Nachverdichtung vorhandener Märkte mit zusätzlichem Wohnraum. Ein anderer besteht in der Miniaturisierung der Filialen inklusive kreativer Flächenkonzepte, um selbst in die kleinsten und verwinkeltsten Freiflächen zu passen.

 

Wer Beispiele für die Miniaturisierung im Lebensmitteleinzelhandel sucht, findet sie etwa in Münchener Innenstadt- und Stadtteillagen. Der Discounter Lidl eröffnet dort in diesem Frühjahr zwei Filialen neuen Typs, zum einen in einer ehemaligen McDonald’s-Filiale in der Zweibrückenstraße und ein weiteres Geschäft in der Leopoldstraße. Ähnliche Fälle gab es vereinzelt schon zuvor. Ende des Jahres 2017 wurde in der Münchner Karlstraße ein Penny in einer winzigen Baulücke mit einer Verkaufsfläche von gerade einmal 290 Quadratmetern eröffnet.

Wer den Wettlauf der Lebensmittelhändler in die letzten Baulücken der Innenstädte verstehen will, muss sich den Transformationsdruck vergegenwärtigen, der seit einigen Jahren auf der Branche lastet. Seit etwa zehn Jahren beobachten Lebensmittelhändler eine Rückverlagerung ihrer Umsätze von den Fachmarktlagen in die hochverdichteten Zentren der großen und mittleren Städte. Dafür verantwortlich ist unter anderem der anhaltende demografische Zulauf in die Städte, aber auch weichere Faktoren wie der kulturelle Bedeutungsverlust eines eigenen Autos gerade bei jüngeren Menschen. Zudem reagieren die Händler mit ihren veränderten Standortansprüchen auf die herannahende Amazonisierung ihrer Branche. Denn obwohl sich der Online-Handel mit Lebensmitteln noch immer vergleichsweise schwertut, reagieren die großen Händler auf die Expansionsgelüste der Online-Lieferdienste. Für die Händler bedeutet das, mit immer kleineren und flexibleren Konzepten näher am urbanen Kunden sein zu müssen, als es früher der Fall war. Gefragt sind Frische- und Convenience-Produkte für den schnellen Außer-Haus-Verzehr.

 

Nutznießer der Reurbanisierung der Nahversorger sind die Innenstädte. Die Wettbewerbsintensität und der hohe Druck des E-Commerce auf die Gewinnsituation stationärer Händler wie Textilisten, Optiker oder Buchhändler haben zuletzt Befürchtungen bestärkt, der digitale Wandel könnte den stationären Handel zur Aufgabe zwingen. Dass Frequenzbringer wie die Nahversorger in die Innenstadt zurückkehren, zeigt hingegen, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.