Nahversorger werten urbane Quartiere auf

Markus Wotruba, Leiter Standortforschung bei der BBE Handelsberatung.

Die (Re-)Urbanisierung der Städte ist in vollem Gange. Auch im Lebensmittelhandel hat eine Wanderungsbewegung zurück in die Zentren und Quartiere begonnen. Eine Betrachtung von Markus Wotruba, Leiter Standortforschung bei der BBE Handelsberatung.

Zugegeben, dort waren Supermärkte und Discounter früher oft nicht gern gesehen. Schließlich ließen sich ein lauter Lieferverkehr, der hohe Parkraumbedarf und ein vergleichsweise hoher Flächenbedarf in den verdichteten Städten schlecht mit der Wohnnutzung vereinbaren.

Dass die Nahversorger in den Quartieren wieder gern gesehene Nachbarn sind und dort zunehmend die Wohnqualität im Umfeld bestimmen, hat vor allem mit gesellschaftlichen Veränderungen zu tun. Das zeigt die kürzlich vorgestellte Studie „Die Reurbanisierung des Lebensmitteleinzelhandels“ des Bundesverbands Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen in Zusammenarbeit mit Lidl und der BBE Handelsberatung.

Gewohnheiten verändern sich

Die Botschaft der Researcher: Die Lebens-, Einkaufs- und Essgewohnheiten der Menschen verändern sich rasant, und damit auch die Anforderungen an den Lebensmittelhandel, der mit immer einfallsreicheren Filialformaten und Angeboten reagiert. Markus Wotruba: „Aus Sicht von Projektentwicklern, der Wohnungswirtschaft und kommunalen Entscheidungsträgern bietet die Ansiedlung der neuen Nahversorger die Chance, für die Zukunft attraktivere Quartiere zu schaffen.“

Die Gründe für die Rückbesinnung der Lebensmittelhändler auf die Zentren und Quartiere sind vielfältig. Nicht nur in der Großstadt, aber besonders dort werden die Menschen immer distanzsensibler. Wotruba: „Damit legen sie großen Wert auf Nähe und auf ein hochwertiges Lebensmittelangebot, das praktischerweise entlang der täglichen Laufwege liegen soll.“ Gleichzeitig nimmt die gesellschaftliche Bedeutung des Autos schleichend ab. Waren Kunden in der Vergangenheit dazu bereit, auch längere Strecken zum Händler zurückzulegen, werden die täglichen Einkaufswege stattdessen immer öfter zu Fuß, mit dem Fahrrad oder öffentlichen Nahverkehr erledigt.

 

Rolle des demografischen Wandels

Der demografische Wandel trägt zudem seinen Anteil bei: Der anhaltend starke Zuzug in den Städten verdeckt schnell, dass die Bevölkerung in Deutschland tendenziell insgesamt abnimmt. Gleichzeitig steigt insbesondere in den Großstädten die Zahl der Zweipersonen- und Single-Haushalte, welche pro Kopf in der Regel überdurchschnittlich viel von ihrem Einkommen für Lebensmittel ausgeben.

Mit Blick in die Zukunft stehen die Lebensmittelhändler in den hochverdichteten Zentren jedoch vor Herausforderungen. Zentral gelegene Handelsflächen sind knapp, die Konkurrenz mit anderen Nutzungsarten wie Büros dafür umso größer. Wotruba: „Gleichzeitig sind die Ansprüche der Kunden an die Filialgestaltung deutlich gestiegen. Lustlos eingerichtete Flächen, auf denen die Ware eher gelagert statt präsentiert wird, gehören größtenteils der Vergangenheit an. Gefragt sind helle, freundliche Filialen, die den Einkauf zu einem angenehmen Erlebnis machen.“  Dabei setzen die Händler vermehrt auf das Konzept der Markthalle, in der ergänzende Frischeprodukte sowie gastronomische Angebote und Services angeboten werden. Neue Verkaufsformate legen den Fokus außerdem auf mehr Wohlfühlatmosphäre, mehr Convenience-Produkte, aber auch neue Mobilitätsangebote für den nicht-motorisierten Kunden.

Kleinteilige Konzepte kommen

Für die Händler hat die neue Expansionsstrategie gleich mehrere Vorteile. Zum einen sichert sie die Nähe zum Kunden und die hohe Aufenthaltsqualität in den Filialen gegen den aufziehenden Wettbewerb großer und kleiner Online-Pure-Player ab, die mittlerweile - zumindest in den Großstädten - auch mit Lebensmitteln in Konkurrenz zum stationären Handel treten. Zum anderen sind die Filialen neuer Bauart städtebaulich und planungsrechtlich wesentlich innenstadtkompatibler. Denn neben großflächigen Konzepten setzen Händler auch auf kleinteiligere Konzepte, die gut in gemischt genutzte Objekte integriert werden können. Selbst auf Flächen mit stark verwinkelten Grundrissen werden mittlerweile Märkte errichtet.

Insgesamt bietet die Integration des Lebensmitteleinzelhandels in urbane Räume für die Händler die Chance, durch neue Formate näher an den Kunden zu rücken, sowie eine Möglichkeit für die Städte, attraktive Quartiere zu gestalten. Der Lebensmitteleinzelhandel ist dabei besonders in (hoch-)verdichteten Stadtlagen als Partner der Projektentwicklung geeignet, weil er an vielen Stellen eine sinnvolle Erdgeschossnutzung darstellt und in der Lage ist, flexibel mit verschiedensten Nutzungen zu kooperieren.