Ein Gastbeitrag von Jens Nagel, Geschäftsführer der Hemsö GmbH

Jens Nagel, Geschäftsführer Hemsö GmbH

„Pflegebedürftig heißt nicht hilflos – im Gegenteil, wer auf Pflege angewiesen ist, möchte sich meist so viel Eigenständigkeit wie möglich bewahren. Doch die Bewegungsfähigkeit ist oft eingeschränkt, lange Wege für Besorgungen des täglichen Bedarfs überfordern viele Pflegeheimbewohner. Eine Lösung, von der alle Seiten profitieren, ist ein Einzelhandelsangebot auf dem Heimgelände – angepasst an die Eigenheiten dieses speziellen Standorts. Bewohner mit der höchsten Pflegestufe können zwar oft selbst solche Angebote nicht mehr nutzen, doch die meisten Heime sind in dieser Beziehung gut durchmischt.

 

Ein Pflegeheimbewohner hat einen anderen Bedarf als der Durchschnittskunde. Die Grundbedürfnisse werden durch das Heim gedeckt, Lebensmittel, Toilettenartikel und Putzbedarf sind unnötig. Gerade in einer Situation, in der sich viele ausgeliefert fühlen, hilft es den Bewohnern jedoch, wenn sie sich den einen oder anderen privaten Luxus nach eigenem Ermessen gönnen können. Ein sinnvolles Angebot passt sich diesen Wünschen an: Friseur- und Kosmetiksalons bieten Gelegenheit, sich verwöhnen zu lassen und die Kontrolle über das eigene Aussehen auch dann zu behalten, wenn sie für viele tägliche Verrichtungen Hilfe benötigen. Blumenläden richten sich nicht nur an die Bewohner selbst, die sich über Farbe und Leben im Zimmer freuen, sondern auch an Verwandte und Freunde, die zu Besuch kommen. Ein Café bietet Raum für Begegnung und Gespräch, in dem man die typische Atmosphäre großer Speisesäle hinter sich lässt, und kann sich dem Personal sowie externer Laufkundschaft öffnen. Diese zusätzlichen Kundengruppen sind wichtig, da die Pflegeheimbewohner allein meist nicht genug Umsatz bieten.

Voraussetzung dafür sind entsprechende Räumlichkeiten. Pflegeimmobilien sind auf die Bedürfnisse ihrer Bewohner ausgelegt, doch die Ansprüche der Einzelhändler müssen ebenfalls berücksichtigt werden. Gut sichtbare Räume im Erdgeschoss, nahe dem Empfangsbereich und am besten auch von der Straße zugänglich sowie Schaufenster oder zumindest Schaukästen zu Straße und Flur hin sind ideal. Selbst Pflegeheime, bei deren Bau ein solches Angebot nicht eingeplant war, haben meist Räume, die sich im Rahmen einer Modernisierung mit vertretbarem Aufwand anpassen lassen. Das Ergebnis ist ein Gewinn an Autonomie und Lebensqualität für die Bewohner, aber ebenso die wirtschaftliche Unterstützung des Pflegeheims durch die langfristigen Mieteinnahmen.

Damit die Einzelhändler sich an diesem speziellen Standort halten können, ist allerdings die Lage des Pflegeheims ebenso wichtig wie seine bauliche Ausstattung. Da sie zur Ergänzung des Umsatzes auf externe Kundschaft angewiesen sind, muss das Heim möglichst gut erreichbar sein. Vor allem ältere Objekte sind oft besser gelegen als Neubauten, weil sie näher an der Innenstadt oder in belebten Wohnvierteln stehen. Zwar haben diese Gebäude häufig Sanierungsbedarf, doch eine grundlegende Sanierung ist auch eine gute Gelegenheit, geeignete Ladenflächen zu schaffen.

 

Auch die Einzelhändler sollten bestimmte Dinge beachten. Einerseits muss die Einrichtung des Ladens möglichst barrierefrei zugänglich sein – Gänge sollten breit genug für Rollatoren und Rollstühle sein, ein möglichst übersichtlicher Aufbau hilft vor allem dementen Bewohnern, sich zurechtzufinden. Andererseits sollte die Klientel eines Pflegeheims beachtet werden. Je nach Standort und Ausstattung können die Bewohner unterschiedliche Erwartungen haben. Wer die Kosten eines Premium-Pflegeheimes zu tragen bereit und fähig ist, will auch im Ladenregal ein exklusives Angebot vorfinden. Wer dagegen auf eine kleine Rente angewiesen ist und für jeden kleinen Luxus sparen muss, freut sich, auf dem Heimgelände günstige Einkaufsmöglichkeiten vorzufinden. Der Einzelhandelsstandort Pflegeheim hat also einige Besonderheiten aufzuweisen. Insbesondere bei einem guten Verhältnis zu Vermieter und Betreiber bietet er jedoch einen Mehrwert für alle Seiten.

Erstellt von Jens Nagel