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01. Oktober 2026

Handelsimmobilien in der Weltlage 2026

EINE UMFASSENDE EINSCHÄTZUNG VON ZUKUNFTSFORSCHER KAI GONDLACH, GESCHÄFTSFÜHRER BEIM PROFORE ZUKUNFTSINSTITUT
Zukunftsforscher Kai Gondlach, Geschäftsführer PROFORE Zukunftsinstitut
Foto: PROFORE Zukunftsinsitut
Futures Wheel am Beispiel einer weiteren Eskalation im Nahen Osten. Jede Auswirkung hat eine Richtung, jeder Ring eine Ordnung, die leeren Kästen gehören Ihnen.

Was Sie hier jetzt lesen, ist eine Beschäftigung des Zukunftsforschers Kai Gondlach (PROFORCE Zukunftsinstitut) mit der Weltlage des Herbstes 2026 aus Sicht der Zukunftsforschung, zugeschnitten auf die Menschen, die Handelsimmobilien bauen, entwickeln, betreiben, vermieten und vermarkten. Sein Beitrag wurde für unser soeben erschienenes Digitalmagazin „10 Jahre HI HEUTE – 10 Jahre Wandel im Handel" erstellt. Der Text beginnt bei zwei Wahlen, die viele überrascht haben, erklärt danach, wie Szenarien entstehen und was sie leisten, nimmt sich dann die Technologie vor, die gerade am gründlichsten unterschätzt wird, und endet mit sieben Bewegungen, die sich mit einem einfachen Werkzeug weiterdenken lassen. Prognosen finden Sie darin keine. Dafür Pfade, Wirkungsketten und Fragen, die Sie für Ihr eigenes Haus beantworten müssen, weil nur Sie das Vokabular dafür haben.

Die Überraschung stand in den Prognosen

Am Wahlabend des 20. September 2026 wurde die Linkspartei mit rund einem Viertel der Stimmen stärkste Kraft in Berlin, und die Immobilienwirtschaft reagierte, als hätte niemand damit rechnen können. Dabei hatten 59 Prozent der Berlinerinnen und Berliner schon 2021 per Volksentscheid für die Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen gestimmt, und die Umfragen sahen die Linke seit Monaten vorn. Zwei Jahre zuvor, im November 2024, dasselbe Muster auf der anderen Seite des Atlantiks: Das letzte Modell des Statistikers Nate Silver gab Donald Trump 50,015 Prozent Siegchance, Kamala Harris 49,985. Ein Münzwurf – und trotzdem lag am Morgen danach die halbe Welt unter Schock. Warum überrascht uns, was in den Zahlen stand?

Vielleicht gilt die Überraschung gar nicht dem Ereignis. Vielleicht gilt sie dem Verlust einer Gewissheit, die jahrzehntelang trug: dass es schon irgendwie weitergeht, höher, schneller, weiter, mit ein paar Dellen, die man aussitzt. Eine Bundesrepublik, die mit diesem Versprechen groß geworden ist, lernt gerade, mit Mehrdeutigkeit zu rechnen. Das fällt schwer, wenn man es nie üben musste. 

Die Immobilienwirtschaft steht dabei mittendrin, weil ihre Entscheidungen länger wirken als fast alle anderen. Und der Handel? Der hat seine Lektion früher bekommen als die meisten anderen Branchen. Wer 2010 einen Laden betrieb, musste lernen, dass der Onlinehandel bleibt, und hat seitdem mehrfach umgebaut. Vielleicht ist das der Grund, warum sich diese Lektion in einem Heft für Handelsimmobilien besser weiterdenken lässt als anderswo.

Wie Zukunftsforschung auf solche Ereignisse schaut

Zukunftsforschung arbeitet oft sozialwissenschaftlich, intertemporal und systemisch. Sozialwissenschaftlich, weil Märkte aus Menschen bestehen, die Erwartungen haben, und Erwartungen Wirklichkeit erzeugen. Intertemporal, weil eine Entscheidung von heute in mehreren Zeitschichten gleichzeitig wirkt, im Quartal, im Zyklus, in der Generation. Systemisch, weil Schlüsselfaktoren wie Zinsen, politische Agenden, Technologien und Gesellschaftsdynamiken sich gegenseitig antreiben und selten isoliert auftreten. Für klassische Berufe ist diese Brille unpraktisch, für das Ausloten von Zukünften ist sie das entscheidende Werkzeug.

Szenarien sind Denkangebote

Das sichtbarste Produkt dieser Arbeit sind Szenarien. Sie kombinieren viele Hypothesen über mögliche Entwicklungsstränge zu wenigen, lesbaren Zukunftsbildern, und sie leisten damit etwas, das Prognosen verwehrt bleibt: Sie halten mehrere Ausgänge gleichzeitig offen, ohne beliebig zu werden. 

Als PROFORE 2024 gemeinsam mit dem Innovation Think Tank des Zentralen Immobilien Ausschuss e. V. (ZIA) sieben Szenarien für die Bau- und Immobilienwirtschaft bis 2050 erarbeitet hat, lagen zwischen Auftrag und Präsentation elf Monate, 16 Interviews und eine Reihe von Workshops, in denen hochrangige Praktikerinnen und Praktiker der Branche Schlüsselfaktoren gewichtet und Projektionen gegeneinander geprüft haben. Der veröffentlichte Report ist die Spitze dieses umfangreichen Material-Eisbergs. Für die folgenden Seiten gilt deshalb dieselbe Spielregel wie damals: Vieles kann, nichts muss. Die Pfade, die hier beschrieben werden, sind mit den Methoden von strategischer Vorausschau (Strategic Foresight) und Zukunftsforschung erkennbar; die Bewertung für Ihr Segment, ob Sie bauen, entwickeln, betreiben, vermieten oder Standorte vermarkten, liegt bei Ihnen. Die Übersetzung lässt sich anbieten, das Vokabular haben nur Sie.

Der PC hat die Sekretärin nicht ersetzt

Als in den 1980er Jahren die ersten Personal Computer in die Büros kamen, war die Angst groß, dass das Sekretariat verschwindet. Ersetzt wurde aber nur die Schreibmaschine. Das Sekretariat hat sich in Assistenz, Office-Management und Projektsteuerung verwandelt – produktiver, anders zugeschnitten, mit neuen Anforderungen an die Menschen, die es tragen. 

Genau so wirken Sprachmodelle heute auf Marketing, Vermietung und Verwaltung: Sie übernehmen Aufgaben, lassen die Abteilungen bestehen und machen den Output derjenigen größer, die gelernt haben, mit ihnen zu arbeiten. Warum wird das trotzdem unterschätzt? Weil die derzeitige Debatte über künstliche Intelligenz an den Extremen hängt, zwischen Heilsversprechen und Untergang. Die unspektakuläre Mitte, die echte Umsetzung in echte Arbeitsabläufe und Neugestaltung von Geschäftsmodellen, dazwischen kaum vorkommt.

Wo die Branche gerade steht

Die Zahlen aus diesem Herbst zeichnen ein klares Bild. Lünendonk hat im September 180 IT- und Fachverantwortliche aus dem deutschsprachigen Raum befragt: 58 Prozent führen erste Pilotprojekte mit KI-Agenten durch, 19 Prozent setzen sie in einzelnen Aufgabenbereichen ein, ein Prozent hat sie durchgängig integriert; 98 Prozent wollen in den nächsten zwei Jahren in Datenqualität investieren, 87 Prozent in Schulung. Die ZIA-EY-Digitalisierungsstudie vom 10. September ergänzt: 96 Prozent der Immobilienunternehmen halten KI für relevant, digitale Widerstandsfähigkeit wird aber selten gemessen. Und das PwC AI Jobs Barometer 2026 liefert die Zahl, die nachdenklich macht: Der Zusammenhang zwischen KI-Exposition eines Jobs und dem tatsächlichen Wandel der geforderten Fähigkeiten liegt in Deutschland bei 0,02, praktisch null, während er weltweit deutlich stärker ist; auf eine Stelle, die KI entwickelt, kommen hierzulande sieben, die sie anwenden. Deutschland kauft KI und kultiviert sie noch zu selten.

Was in Handelsimmobilien heute schon läuft

Konkret heißt das für die Prozesse, die dieses Heft betreffen: Standortanalysen ziehen Frequenz-, Geo- und Kaufkraftdaten in Minuten zusammen, für die früher Wochen nötig waren. Exposés und Mieterakquise entstehen aus strukturierten Objektdaten, mit Text in der Tonlage der jeweiligen Adressaten. 

Mietverträge werden maschinell ausgelesen, Indexklauseln, Laufzeiten, Sonderkündigungsrechte und Umsatzmietstaffeln landen in einer durchsuchbaren Tabelle. Nebenkosten- und Indexanpassungen laufen halbautomatisch, Instandhaltung wird aus Sensordaten geplant, ESG- und Verbrauchsberichte schreiben sich aus Zählerständen, Center-Marketing produziert Aktionspläne und Inhalte in Stunden, und Mieteranfragen beantwortet ein KI-Assistent, bevor ein Mensch sie sieht. All das ist heute verfügbar. Es scheitert selten an der Technik, meist an drei anderen Dingen: an Stammdaten, die in X Systemen Y verschiedene Wahrheiten kennen; an einer Strategie, die sagt, wofür das Ganze gut sein soll; und an Menschen, die es können und nicht nur aufs Artefakt schauen.

Weiterbildung als Überlebensanker

Die KI-Verordnung der EU verlangt seit Februar 2025 von jedem Unternehmen, das KI-Systeme einsetzt, ausreichend geschulte Beschäftigte, unabhängig von der Größe des Hauses. Viele Betreiber, Verwalter und Vermarkter in dieser Branche gehen davon aus, dass die Verordnung sie kaum betrifft, weil sie klein sind und keine Hochrisikosysteme bauen. Das mag für die Sanktionen stimmen, für die Sache stimmt es nicht. 

Wer seine Leute jetzt nicht schult, hat in drei Jahren Prozesse, die niemand im Haus mehr versteht, weil ein Dienstleister sie eingerichtet hat und gegangen ist. Weiterbildung ist in dieser Lage Selbstschutz, und sie ist der einzige Vermögenswert, der sich weder abschreiben noch wegverhandeln lässt. Der PC hat die Sekretärin nicht ersetzt; er hat die ersetzt, die ihn nicht lernen wollten.

Sieben Bewegungen für die Watchlist

Was folgt, ist fundierte Spekulation, ausdrücklich und in jedem Absatz. Zukunftsforschung nutzt dafür gern ein einfaches Werkzeug, das Futures Wheel: Ein Ereignis in die Mitte, dann die erste Auswirkung, dann die Auswirkung der Auswirkung, dann die dritte Ordnung, in der die eigentlich überraschenden Folgen sitzen. Die Grafik zeigt das Prinzip an einem Beispiel, und sie lässt bewusst Kästen frei, weil das Werkzeug erst dann etwas taugt, wenn Sie es mit Ihrem Standort und Ihrem Wissen füllen. Keiner dieser Pfade ist determiniert oder kausal zwingend, jeder ist einer von mehreren plausiblen, und jeder muss von Ihnen für Ihr Segment und Ihren Standort adaptiert werden. Die Reihenfolge beginnt oft in Washington oder Kiew und endet in Ihrem Unternehmen.

1. Der Laden mit wenig Personal

Hinter vielen Konzepten, die seit Jahren durch die Branche geistern – dunkle Lager, Automatenkioske, Läden ohne Kasse – steckt ein Schema, das stabiler ist als jeder einzelne Business Case: Es gibt weniger Menschen, die im Handel arbeiten wollen, die Technik wird smarter und billiger, der Kostendruck durch Lieferversprechen wächst, und die Grenze dessen, was Kundinnen und Kunden als unheimlich empfinden („uncanny valley“), verschiebt sich mit jeder Generation. 

KPMG und EHI haben Ende 2024 gemessen, wo diese Grenze in Deutschland liegt: 54 Prozent konnten sich damals vorstellen, autonome Läden zu nutzen, 15 Prozent haben es getan, 68 Prozent stören sich an der Unpersönlichkeit und ebenso viele am Gefühl, überwacht zu werden; bei beratungsintensiven Sortimenten wie Baumarkt und Sport war die Skepsis größer. Das Muster gilt auch im Großformat: Würth öffnete an drei Standorten Niederlassungen rund um die Uhr, Zutritt per QR-Code aus der Kunden-App, die Ware wird beim Verlassen automatisch erfasst und später in Rechnung gestellt, und 82 Prozent der Nutzer arbeiten außerhalb regulärer Öffnungszeiten.

Warum funktioniert das bei Würth und scheitert der Selbstbedienungs-Checkout im Supermarkt an der Diebstahlquote? Weil sich der Würth-Kunde beim Betreten registriert. Der Denkfehler der meisten deutschen Selbstbedienungskassen liegt vor der Kasse: Wer nicht weiß, wer den Laden betritt, kann am Ausgang nur hoffen. Andere Länder haben das längst gelöst, hierzulande heißt es, der Datenschutz stehe im Weg. Aus unserer Sicht ist das ein Argument, das eher vorgeschoben wirkt, denn eine freiwillige Registrierung per App ist in jedem anderen Lebensbereich üblich. 

Warum eröffnet ein Filialist nicht eine Submarke, bei der ausschließlich so eingekauft wird, für die Regionen und Kundengruppen, die es wollen? Das ist eine Frage der Zeit, und sie hat drei Riegel davor, die man kennen sollte: einen kulturellen (das Gespräch am Tresen gehört für bestimmte Kundengruppen zum Einkaufserlebnis), einen historischen (die Sonntagsruhe hat Verfassungsrang) und einen administrativen (die Ladenöffnung ist Ländersache, ein Flickenteppich aus 16 Regelungen, in dem Bayern gerade 24-Stunden-Kleinstmärkte plant). 

Manchmal hilft ein Blick nach außen als Warnung vor Technikgläubigkeit. Amazon hat die kassenlose Technik 2024 aus den eigenen Supermärkten entfernt und Anfang 2026 die Schließung sämtlicher Fresh- und Go-Läden in den USA angekündigt: 74 Standorte geschlossen, weil das Geschäftsmodell trotz guter Technik nie getragen hat. 

China war schon früher dran und ist schon früher zurückgerudert: 2017 versprach BingoBox 3.000 unbemannte Container-Läden, JD und Alibaba zogen mit eigenen Formaten nach; 2023 waren die meisten davon verschwunden. Geblieben sind Convenience-Ketten mit Selbstkasse und Frischeformate mit Personal, weil ein eingesparter Kassierer die Technik nicht bezahlt und weil Sortiment und Frische den Kunden wichtiger waren als das Fehlen einer Schlange. Auswirkung dritter Ordnung für Handelsimmobilien: Wenn Personal knapp bleibt, entscheidet die Fläche, die sich mit wenig Menschen betreiben lässt, über die Miete, die sie erzielt.

2. Die Filiale als Logistikknoten

In der Nacht zum 6. August 2026 fand ein Busfahrer am Flughafen Leipzig/Halle eine Drohne mit Semtex-Sprengladung, deren Zünder versagt hatte; eine DHL-Frachtmaschine musste aus anderem Grund am selben Abend durchstarten, die Bundesanwaltschaft ermittelt, Sicherheitskreise sprechen von einem hybriden Angriff, orchestriert vom russischen Geheimdienst. 

Was, wenn der nächste Zünder funktioniert? Erste Auswirkung: Europas größter Frachthub wäre tagelang geschlossen, die Bevölkerung stünde unter Schock, Lieferketten von Paketdiensten und Onlinehändlern wären unterbrochen. 

Zweite Auswirkung: Versicherer schreiben Logistikflächen neu, Sicherheitsauflagen für Umschlagplätze steigen, Händler diversifizieren ihre Wege. Dritte Auswirkung, und hier wird es für dieses Heft interessant: Die Filiale gewinnt als Logistikknoten. Das EHI Retail Institute hat in derselben Woche, in der dieser Text entsteht, neun Szenarien für die Handelslogistik 2036 veröffentlicht, erarbeitet mit 30 Unternehmen. 

Der „stationäre Anker", der Laden als Verkaufsort, Abholstation, Rückgabepunkt und Verteilzentrum in einem, gehört zu den Bildern, die die Beteiligten für tragfähig halten. Ein Pfad, der Lager in die Stadt zurückholt, Erdgeschosse anders zuschneidet und Betreibern eine zweite Einnahmequelle eröffnet. Ein anderer Pfad, ebenso plausibel: Die Logistik zieht sich auf wenige, hochgesicherte Standorte zurück, und die Innenstadt bleibt Schaufenster.

3. Die Fläche entleert sich regional

Sachsen-Anhalt verliert nach der Vorausberechnung der Bertelsmann-Stiftung zwischen 2020 und 2040 12,3 Prozent seiner Bevölkerung, der Landkreis Mansfeld-Südharz sogar über 21 Prozent. 

Die Menschen im Erwerbsalter werden im Land um fast ein Viertel weniger, während Magdeburg und Halle nahezu stabil bleiben. Am 6. September hat die AfD – laut Verfassungsschutz ein gesichert rechtsextremer Landesverband – bei der Landtagswahl 43,8 Prozent der Stimmen erhalten, die Regierungsbildung ist offen. 

Die Wanderungsbewegungen könnten sich dramatisch beschleunigen, was unter der Chiffre „Remigration“ auch zum Teil gewollt wäre. Erste Auswirkung, unabhängig von jeder politischen Bewertung: Mit den Menschen geht Kaufkraft, mit der Kaufkraft geht der Handel, und mit dem Handel die Frequenz, die den nächsten Händler anlockt. Zweite Auswirkung: Filialnetze werden ausgedünnt, Nahversorgung wird zur Standortfrage, die Kommune wird zum Partner, weil sonst niemand mehr investiert. 

Dritte Auswirkung: Standortmarketing wird zur Standortpolitik. Wie kann das gelingen? Hanau (Hessen) hat einen leerstehenden Kaufhof am Marktplatz selbst gekauft und 2025 das Erdgeschoss mit zwanzig kleinen Läden, Cafés und einer Agora wiedereröffnet, gespeist aus 250 Ideen eines Bürgerprogramms. In Hannoversch Münden hat eine Bürgergenossenschaft mit 324 Mitgliedern sechs Altstadthäuser übernommen. 

Hier zeigt sich die Ambiguität am deutlichsten: Dieselbe Entleerung, die Standorte kippen lässt, macht andere zu Orten, an denen Bürger:innen, Kommune und Immobilienwirtschaft zusammen etwas aufbauen, was keiner allein könnte. Welcher der beiden Pfade an Ihrem Standort läuft, wissen Sie besser als jede Statistik; aber über andere Informationswege als früher.

4. Berlin nach dem 20. September, drei Pfade

Die Vergesellschaftung ist beschlossene Absicht, ihr Weg ist offen, und die Koalitionsfrage, ob mit SPD und Grünen oder anders, ist dabei ein Faktor wie jeder andere. Ebenso ist ein möglicher weiterer Volksentscheid denkbar, dessen Ball bei der Bürgerinitiative liegt. Drei gangbare Pfade lassen sich unterscheiden. Erstens die Enteignung mit Entschädigung: juristisch jahrelang, für den Kapitalmarkt ein Signal, das weit über Berlin hinaus Bewertungen bewegt, für den Handel eine Phase, in der Erdgeschosse in betroffenen Beständen ohne Eigentümerentscheidungen bleiben. 

Zweitens der Aktienkauf: Das Land Berlin erwirbt 51 Prozent eines Wohnungskonzerns am Markt, still, legal, mit denselben Mitspracherechten und einer planbaren Summe; die Kontrolle wechselt und der Handel bekommt einen Vermieter, der Nahversorgung politisch bewertet. 

Drittens der Neubau: Dieselbe Summe fließt in 40.000 bis 80.000 neue Wohnungen, womöglich über die Wohnungsbaugesellschaft des Bundes, die der Koalitionsausschuss im Juli beschlossen hat, und das Modell macht Schule in anderen Metropolen. Für Handelsimmobilien wäre das der Pfad mit der größten Nachfrage, in Erdgeschossen, in Quartieren, die von Anfang an mit Versorgung geplant werden. Welcher Pfad läuft, entscheidet sich in den nächsten Monaten, und die Beobachtung lohnt sich mehr als die Aufregung.

5. Die Koalition im Bund scheitert

Zwei Pfade, beide plausibel. Pfad A: Die Bundesregierung stürzt, in der aufgeheizten Stimmung des Landes folgt Stillstand, Neubau und Förderung frieren ein, örtliche Ausschreitungen kommen dazu. Das Warnszenario, das die ZIA-Studie „Reaktionäres Chaos" genannt hat, wird auch ohne eine verlorene Wahl Wirklichkeit. 

Pfad B: Der Kanzler wird innerhalb der Koalition ersetzt, die Karten werden neu gemischt, Reformen werden zurückgedreht, und die Regierung greift zu Geschenken, für die der Tankrabatt von 17 Cent je Liter ab dem 1. Oktober das Muster liefert; eine Maßnahme, die der Sachverständigenrat für zielungenau hält und die Wirtschaftsweise Prof. Dr. Veronika Grimm „zynisch" nennt, weil sie die Rechnung der nächsten Generation aufbürdet. Auswirkung dritter Ordnung in beiden Pfaden: Der energetische Umbau von Verkehr, Bau und Wärme wird langsamer. Doch fossile Energie kennt langfristig nur eine Preisrichtung, und wer mehr fürs Tanken und Heizen ausgibt, gibt weniger im Laden, im Restaurant und im Großhandel aus. 

Weniger Gastro, weniger Frequenz, weniger alles, und zwar in jedem Segment dieses Hefts. Natürlich ist auch der weiterhin krisenbehaftete Status Quo als Pfad C denkbar, in dem die Koalition hält – aber wir haben uns in diesem Teil des Beitrags auf spekulative Szenarien geeinigt!

6. Der Nahe Osten eskaliert weiter

Die Zinserhöhung der EZB vom 10. September hat ihren Grund in den Energiepreisen, und die haben ihren Grund im Nahen Osten. Die Grafik auf Seite 29 zeigt, wie sich dieser Pfad weiterdenken ließe, und sie zeigt auch, warum er sich in keinem Segment gleich anfühlt. 

Erste Auswirkung: Energiepreise, Seeweg durch den Suezkanal, Veränderungen im Transport- und Reiseverkehr. 

Zweite Auswirkung: Inflation und Leitzins, Baukosten, Sortimente und Lieferzeiten, Lagerbedarf, Innenstadtfrequenz, Sicherheitsauflagen für öffentliche Flächen. 

Dritte Auswirkung: Bewertungen sinken, Refinanzierungen stocken, Projekte pausieren, Materialien wechseln, Lager rücken in die Stadt, Gastronomie gerät unter Druck, Versicherungen werden teurer. Wer baut, spürt zuerst die Kosten; wer betreibt, die Frequenz; wer vermietet, die Bonität der Mieter. Ausdrücklich: Das ist eine mögliche Wirkungskette unter mehreren, keine Kausalität. Der Gegenpfad, eine Waffenruhe mit fallenden Energiepreisen, ist ebenso plausibel und würde die Kette umkehren, mit einem Zeitverzug, der seinerseits Chancen birgt.

7. Die Demokraten gewinnen die Midterms

Am 3. November wählen die USA ihren Kongress, kurz nach Erscheinen dieses Hefts. Ein Pfad, ausdrücklich nur einer der möglichen: Die Demokraten gewinnen, getragen von Figuren wie Zohran Mamdani, der in New York mit kommunalen Supermärkten und Mietenstopp regiert und dessen Politik eher nach Berlin als nach Dessau klingt. Erste Auswirkung: Ein Land, das im Vollzug tief gespalten bleibt, bis hin zu einer gewaltsamen Eskalation, für die der Sturm auf das Kapitol die Vorlage geliefert hat. 

Zweite Auswirkung: Börsen reagieren auf politische Unsicherheit mit Abschlägen, die Staatsverschuldung der USA, längst weit jenseits der eigenen Wirtschaftsleistung, wird zum Thema der Anleihemärkte, und der Dollar schwankt. 

Dritte Auswirkung: Der militärische Rückzug der USA aus Europa geht weiter, solange kein Demokrat im Weißen Haus sitzt, in der Ukraine wie an den Außengrenzen, die Entwicklungshilfe bleibt abgeschaltet. Europa finanziert seine Sicherheit selbst und dieses Geld fehlt an anderer Stelle. Für den deutschen Handelsimmobilienmarkt heißt das: internationale Investoren, die 2024 noch 40 Prozent des Einzelhandels-Investmentvolumens stellten, gewichten ihr Risiko neu, Importpreise im Sortiment bewegen sich mit Zöllen und Wechselkurs, und die Frage, wer Europas Sicherheit bezahlt, landet als Steuer- und Zinsfrage auf jedem Objekt. 

Wer künftig die Präsidentschaft gewinnt, entscheidet in den USA ohnehin das Geld aus dem Silicon Valley mit. 

Schauen Sie darüber hinaus auch nach Taipeh, Neu-Delhi und in den Jemen; auf die planetaren Grenzen und Klima-Kipppunkte; auf das mögliche Platzen der KI-Blase in den USA. Die nächste Überraschung steht dort schon in den Zahlen.

Was bleibt

Ehrlich gesagt: In keinem der sieben Pfade stehen einfache Jahre bevor. Die Zinsen drehen, die Politik wackelt, die Lieferketten haben Umwege gelernt, und die Menschen, die im Handel einkaufen, sparen aus Angst, bevor sie sparen müssen. Wer das leugnet, verkauft Ihnen etwas. Und trotzdem lässt sich aus diesem Herbst eine Zuversicht ziehen, die tragfähiger ist als jede Konjunkturprognose, weil sie von Ihrer eigenen Arbeit abhängt und von niemandem sonst.

Strategische Vorausschau ist Handwerk

Nichts von dem, was auf diesen Seiten steht, verlangt eine Forschungsabteilung. Ein Ereignis in die Mitte eines Blattes, drei Ringe darum, jede Auswirkung mit einer Richtung, und die Frage, was daraus für das eigene Geschäftsmodell folgt: Das ist das Futures Wheel. Wer es einmal mit dem eigenen Team an einem Nachmittag ausprobiert hat, sieht die nächste Meldung aus Washington, Magdeburg oder Teheran mit anderen Augen. Dasselbe gilt für die systematische Umfeldbeobachtung (Horizon Scanning), die Trends und schwache Signale sammelt, bevor sie Schlagzeilen werden, und für die regelmäßige Prüfung, wie gut das eigene Haus auf mehrere Zukünfte vorbereitet ist, und zwar mit Klarheit über die eigenen plausiblen Pfade. Unternehmen, die so arbeiten, wirtschaften über die Jahre besser und taumeln seltener unvorbereitet in Krisen, weil sie den Moment der Überraschung schon geübt haben, bevor er eintritt.

Was sich dafür ändern muss, ist weniger die Zahl der Tabellen als die Art des Denkens. Weniger Betriebswirtschaft im Quartalstakt, mehr System: Was hängt an was, und was passiert an der dritten Stelle, wenn sich die erste bewegt? Künstliche Intelligenz kritisch prüfen, im eigenen Haus, mit den eigenen Leuten, bevor Geld dafür fließt. Entwicklungen im Blick behalten, auch die, die im eigenen Segment noch nichts auslösen. Und das Wheel ausprobieren, mit den leeren Kästen, die Sie in der Grafik gefunden haben. Wer Lust bekommen hat, dieses Handwerk gründlicher zu lernen, findet es in der PROFORE Foresight Akademie, online und im eigenen Tempo. Die Überraschung des nächsten Jahres steht auch schon irgendwo in den Zahlen. Die Frage ist, wer sie zuerst liest.

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