Vermietung, Frequentierung, neue Angebote: Andreas Hohlmann, Deutschland-Chef von URW antwortet stellvertretend für all seine Centermanagerinnen und Centermanager

Andreas Hohlmann, Deutschlandchef von Unibail-Rodamco-Westfield. Foto: URW

Die Redaktion von HI HEUTE hat vor einigen Wochen eine große Umfrage in den deutschen Einkaufszentren gestartet. Im 14-Tage-Rhythmus möchten wir Ihnen dazu Zwischenergebnisse präsentieren – und das bis ins Frühjahr 2022. Heute machen wir weiter mit Unibail-Rodamco-Westfield Germany, eines der größten Shoppingcenter-Unternehmen. Chef Andreas Hohlmann hat stellvertrend für die Centermanagerinnen und Centermanager seines Unternehmens auf unsere speziellen Fragen geantwortet. Hier seine detaillierten Aussagen: Antworten:

 

Wie hat sich Corona auf Ihr Center ausgewirkt, welche Bereiche wird es wohl langfristig beeinträchtigen?

Andreas Hohlmann: Die Coronapandemie hat sowohl unsere Mietpartnerinnen und Mietpartner als auch uns als Betreiber von Handelsimmobilien vor große Herausforderungen gesellschaftlicher, sozialer und finanzieller Art gestellt. Aus einer solch schwierigen Situation, die sich teilweise auch wöchentlich ändern konnte, kommt man nur gemeinsam und in enger Abstimmung heraus. Das haben wir bei unserem Krisenmanagement von Anfang an in den Mittelpunkt gestellt. Ein Gießkannenprinzip oder voreilige Pauschalurteile gab es bei uns noch nie und wird es auch zukünftig nicht geben.

Natürlich haben wir uns am Verhaltenskodex des Handelsverbands HDE, des GCSP und des Immobilienverbands ZIA orientiert und sind während der Lockdowns der Empfehlung der partnerschaftlichen Teilung der Lasten sowie der Mietreduzierung in den gewerblichen Mietverhältnissen gefolgt. Gleichzeitig war und ist es uns sehr wichtig, dass wir unsere rund 3.500 Mieterinnen und Mieter individuell und branchenspezifisch betrachten. Branchen wie die Gastronomie, Freizeit oder Unterhaltung waren stärker von den Coronamaßnahmen betroffen als zum Beispiel Geschäfte des Lebensmitteleinzelhandels, Drogerien oder jene Anbieter, die parallel zu den stationären Schließungen über ihren Onlinevertrieb Einnahmen generien konnten. All diese individuellen Kriterien haben wir in unseren Förderungen berücksichtigt.

Dadurch ist es uns als Schicksalsgemeinschaft von Mieter und Vermieter gelungen, solide durch diese schwierige Zeit zu kommen. Klar ist aber auch, dass aus solchen Feuerproben auch immer wieder neue Chancen zur Weiterentwicklung entstehen und kreative Potenziale im Bereich der Digitalisierung und Innovation freigesetzt werden können. Wichtig ist hier der Wille zu Veränderungen, neuen Kooperationen oder Vertriebswegen. Segmente oder Geschäftsfelder, die sich diesem Trend verwehren, werden künftig Probleme bekommen. An dieser Stelle muss man allerdings resümieren, dass diese Thematik nicht ausschließlich durch die Coronapandemie herbeigeführt wurde, sondern die Branche bereits seit mehreren Jahren begleitet. Wer rastet, verliert.

Haben Sie noch Corona bedingte Leerstände? Falls ja, wieviel? Womit rechnen Sie für das laufende Jahr: mit noch mehr Leerständen oder mit einem Abbau?

Andreas Hohlmann: In den zurückliegenden Monaten hat die Coronapandemie sehr vereinzelt, aber nicht auf breiter Front, Insolvenzen im Handel gefordert. Wir hoffen natürlich, dass die Impfkampagne nicht an Kraft verliert und die Kombination mit Testmöglichkeiten dauerhaft und nachhaltig aus der Pandemie führt. Deshalb konzentrieren wir uns in den Gesprächen mit Mieterinnen und Mietern auch generellvor allem auch auf Umsatzentwicklungen oder das Verhältnis von Online- und Offline-Umsätzen, nicht so sehr auf Schließung von Standorten. Wie bereits erwähnt, sind individuelle Konzepte und innovative Ideen der Schlüssel für die Vermeidung von Leerständen. Die Umsetzung ist eine der großen Herausforderungen der aktuellen und kommenden Zeit, der wir uns aber gerne stellen. Generell haben wir weiterhin eine hohe Vermietungsquote in unseren Centern und konnten vorrübergehende Leerstände oftmals dadurch auffangen, dass wir schnell neue Mietpartnerinnen und Mietpartner gefunden haben oder bestehende Mietpartner deren Angebote und Flächen sogar noch ausgeweitet haben. Für die Zukunft sind wir optimistisch, dass coronabedingte Leerstände eher die Ausnahme sind beziehungsweise bald der Vergangenheit angehören.

Planen Sie, neben den bekannten Anbietern, Händlern und Dienstleistern, künftig auch völlig neue Angebote in Ihr Center zu holen? Wenn ja: welche? 

Andreas Hohlmann: Das eine schließt das andere nicht aus: Wir haben einerseits eine Reihe von etablierten Partnern, mit denen wir gemeinsam neue Wege gehen. Zum Beispiel wird im derzeit entstehenden Westfield Hamburg Überseequartier das Stuttgarter Fashion- und Lifestyle-Unternehmen Breuninger einer der größten Ankermieter sein und seine erste Dependance in Norddeutschland eröffnen. Diese Kooperation ist die Fortsetzung der bisher sehr erfolgreichen Zusammenarbeit von URW und Breuninger in den BreuningerLändern Sindelfingen und Ludwigsburg in der Region Stuttgart. In der WILMA in Berlin-Charlottenburg haben wir unlängst den Mietvertrag mit H&M langfristig verlängert und gleichzeitig durch eine Flächenerweiterung den erst zweiten H&M Home in Berlin eröffnet. Das heißt konkret, dass sich neue Wege auch mit etablierten Partnern kreuzen können.

Andererseits sind wir nicht nur für unsere Projektentwicklungen immer auf der Suche nach neuen, innovativen Konzepten und Ideen, um unseren Kundinnen und Kunden einen noch ausgefeilteren und vielfältigeren Mietermix anzubieten. Im November eröffnet zum Beispiel der niederländische Arcade-Spielewelten-Betreiber Gamestate im Westfield Centro seine erste Zweigstelle in Deutschland und schafft vor Ort ein weiteres Highlight im Freizeit- und Entertainmentsegment. In diesem Bereich werden wir uns künftig noch weiter spezialisieren und stärker aufstellen. Das gilt auch für Branchen, die wir bisher noch nicht ganz so umfangreich in unserem Portfolio berücksichtigt haben. Sehr spannend sind zum Beispiel das Gesundheitssegment oder auch die Hotelbranche. Mit letzterer kooperieren wir ja künftig sehr umfangreich im Westfield Hamburg-Überseequartier, wenn dort ab 2023 drei Hotels der Accor Group das Angebot erweitern.

Die Gesundheitsbranche ist sicherlich auch ein sehr interessanter, potenzieller Partner. Das Konzept von Mixed-use-Quartieren ist es schließlich, den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie auch den Kundinnen und Kunden ein umfangreiches Angebot von lebensnotwendigen Diensten wie die medizinische Versorgung bis hin zu funktionalen Dingen wie Supermärkte, Sport-, Freizeit und Entertainmentangebote sowie innovative Mobilität und eine vernünftige Infrastruktur zu offerieren. An dieser Stelle sind die Wege und Möglichkeiten so vielfältig, dass wir uns auf viele spannende Projekte freuen können.

Wie entwickeln sich Ihre Frequenzen?

Andreas Hohlmann: Wir haben es in der Vergangenheit beobachtet und machen nun ebenso wieder die Erfahrung, dass sich die Frequenzen nach dem Ende eines Lockdowns glücklicherweise sehr schnell wieder erholen und anziehen. Die Menschen sehnen sich danach, wieder zusammenzukommen und gemeinsame Zeit miteinander zu verbringen – wieder ein wenig Normalität zu erleben. Genau dafür schaffen wir mit unseren Shopping Destinationen die passenden Plattformen: Orte der Begegnungen, an den man sich trifft und gerne seine Freizeit verbringt. Um das Infektionsrisiko zu minimieren und den Menschen einen sicheren Besuch der Center zu ermöglichen, haben wir umfangreiche Hygienekonzepte implementiert.

Was planen Sie, um Ihr Center wieder stärker zu beleben (Events, Aktionen, Social Media, neue Weihnachtsdekoration oder noch ganz Anderes)?

Andreas Hohlmann: Ganz aktuell und natürlich neben anderen Aktionen prüfen wir beispielsweise derzeit an mehreren Standorten, ob und in welcher Form traditionelle Weihnachtsmärkte dieses Jahr wieder in den Centern stattfinden können. Ein besonderes Highlight, das bereits erfolgreich über die Bühne gegangen ist, war mit Sicherheit das Live-Streaming-Event mit der Musikerin Lady Gaga am 30. September im Westfield Centro, der bundesweit ersten Flagship-Destination der international renommierten Marke Westfield. Dadurch ist das Westfield Centro Teil eines Netzwerks von Flagship-Destinationen in Europa und den USA, das unter anderem außergewöhnliche Events, Roadshows und 360°-Plattformen anbietet, so auch das exklusive Westfield-Event inkl. Online-Performance von Lady Gaga und Viewing-Party in einer Fan-Zone vor dem Center. Das war auf jeden Fall etwas ganz Besonderes. Unsere Besucherinnen und Besucher dürfen sich künftig noch auf viele weitere Events dieser Art freuen. So entsteht zum Beispiel direkt vor dem Westfield Centro ein Karls Erlebnis-Dorf auf rund 70.000 Quadratmetern – also rund 10 Fußballfeldern. Der Kinder- und Familien-Park wird Erlebniswelten, Attraktionen, Fahrgeschäfte, Shops und zahlreiche Manufakturen beinhalten. Die Kooperation mit Karls stellt branchenweit ein absolutes Highlight dar und wird die Bedeutung des Westfield Centro als Flagship-Destination weiter manifestieren.

 

Denken Sie vielleicht sogar über bauliche Optimierungen nach? Falls ja, über welche? 

Andreas Hohlmann: Ja, aus unserer Sicht muss sich der Einzelhandel und die Immobilienbranche weiterentwickeln und transformieren. Je nach Standort oder Stadt fehlt es vielerorts an attraktiven Nutzungen neben dem klassischen Handel. Die in der Stadtplanung über Jahrzehnte hinweg erfolgte Trennung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit muss aufgehoben werden. Die Bereiche müssen enger zusammenwachsen und dabei drei große Trends unserer Gesellschaft mehr berücksichtigen: Das sind neben Gesundheit, Fitness und Well-Being eine erlebnisorientierte Gastronomie sowie Freizeit, Kultur und Unterhaltung.

Wir haben das bei URW schon früh erkannt und unsere Vermietung dahingehend ausgerichtet. Das war dann in der Vergangenheit auch bereits mit einigen baulichen Maßnahmen verbunden. Dafür ist die Ende 2020 abgeschlossene Modernisierung und Repositionierung des Nachbarschaftscenters WILMA in Berlin ein gutes Beispiel. Der Fokus lag auf einer Stärkung des Nahversorgungscharakters inklusive einer neuen 1.000 Quadratmeter großer Markthalle, in der die verschiedensten Gastronomie- oder Lebensmittelhandelskonzepte mit lokalem, nationalem oder internationalem Charakter ein kulinarisches Erlebnis bieten.

Zudem haben wir die Segmente Mode und Sport weiter gestärkt sowie WILMA noch intensiver als sozialen Treffpunkt mit Community-Café und Bürgeramt direkt im Center positioniert. Auch setzen wir diesen Ansatz der gemischt genutzten Center ja gerade in noch größerer Dimension in der Hamburger HafenCity mit dem bereits erwähnten Westfield Hamburg-Überseequartier um. Einzelhandel, verschiedene Unterhaltungskonzepte, unter anderem ein Legoland Discovery Centre und ein von Kinopolis betriebenes Kino sowie über 40 Gastronomieeinheiten werden feinabgestimmt mit Büros, insgesamt 650 Wohnungen, drei Hotels sowie einem Kreuzfahrt-Terminal verbunden. Außerdem planen wir ein umfassendes Cluster an Anbietern für Gesundheit, Fitness und Well-Being, beispielsweise auch gepaart mit Arztpraxen. In wenigen Minuten soll alles erreichbar sein.

Als weitere Beispiele wären hier das Leine-Center in Laatzen bei Hannover sowie das Forum Steglitz in Berlin zu nennen. In beiden Shopping Centern werden aktuell Umbaumaßnahmen umgesetzt oder befinden sich in Planung, um sie noch stärker auf den jeweiligen Bedarf des Standortes auszurichten.