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01. Oktober 2025

Stadt gestalten, Menschen gewinnen

HOMEIRA AMIRI IM INTERVIEW ZUR ROLLE DER GASTRONOMIE
Homeira Amiri ist seit 1999 in der Hotelindustrie, Gastronomie- und Eventbranche zuhause.
DZG / Serkis

Gastronomie ist weit mehr als ein Tellergericht oder ein Cafébesuch. Sie ist sozialer Treffpunkt, identitätsstiftendes Element im Quartier und wichtiger Standortfaktor für Immobilienentwicklung. Gleichzeitig kämpft die Branche mit akutem Fachkräftemangel, Bürokratie und einem tiefgreifenden Wandel in der Arbeitswelt.

Eine, die beide Ebenen kennt, ist Homeira Amiri. Seit 1999 ist sie in der Hotelindustrie, Gastronomie und Eventbranche zu Hause, heute CEO der Amiri Consulting & Hospitality GmbH, Unternehmerin und Aufsichtsratsvorsitzende der Denkfabrik Zukunft Gastwelt (DZG). Mit ihrem Projekt zur Gewinnung internationaler Fachkräfte entwickelt sie praxisnahe Lösungen, die weit über klassische Vermittlung hinausgehen. Im Interview mit HI HEUTE spricht Amiri über die Bedeutung der Gastronomie für Stadtentwicklung, die Hürden bei der Fachkräftegewinnung und die Chancen einer vielfältigen Branche.

HI HEUTE: Frau Amiri, welche Rolle spielt Gastronomie heute für Städte, Quartiere – und auch für den Immobilienmarkt?

Homeira Amiri: Gastronomie ist ein zentraler Standortfaktor, Impulsgeber für Urbanität, Aufenthaltsqualität und Identität. Sie schafft Orte der Begegnung, des Austauschs und der Zugehörigkeit – also echte Gemeinschaft. Im Immobilienkontext ist sie entscheidend für Frequenz, Attraktivität und nachhaltige Wertschöpfung.

HI HEUTE: Wie verändert sich der Stellenwert gastronomischer Angebote aus Sicht von Stadtplanern, Investoren und Eigentümern?

Homeira Amiri: Gastronomie ist kein „nice to have“ mehr, sondern sie wird als emotionaler Anker und wirtschaftlicher Motor erkannt. Überall dort, wo sie integriert ist, steigt die Aufenthaltsqualität. Es entstehen lebendige Orte, die Besucher binden – eine Win-win-Situation für Betriebe, Mieter, umliegende Wirtschaftszweige und Standorte.

HI HEUTE: Der Personalmangel ist branchenweit spürbar. Was sind aktuell die größten Herausforderungen?

Homeira Amiri: Auf der einen Seite müssen viele Betriebe Öffnungszeiten reduzieren, da die Schichten nicht abgedeckt werden können. Auf der anderen Seite wünschen sich Bewerber schnellere Prozesse, doch die Strukturen sind oft träge. Es braucht nicht nur mehr Menschen, sondern auch neue Denkweisen und Mut zur Veränderung.

HI HEUTE: Sie leiten ein Projekt zur Rekrutierung internationaler Fachkräfte. Was ist der Kern Ihrer Idee?

Homeira Amiri: Mit PEOPLE@AGENCY schlagen wir eine Brücke zwischen internationalem Potenzial und deutschem Bedarf. Ziel ist eine nachhaltige Integration, mit digitaler Plattform, Netzwerk und persönlicher Begleitung vom Visum bis zur Einarbeitung. Begonnen mit Azubis aus Indonesien und Tunesien, sind wir inzwischen auch in der EU und auch in weiteren Branchen aktiv, etwa im medizinischen Bereich.

HI HEUTE: Wie groß ist der Aufwand, internationale Fachkräfte nachhaltig zu integrieren?

Homeira Amiri: Viel zu hoch. Einreisen dauern oft Monate. Die Bewerber brauchen Unterstützung bei Sprache, Bürokratie und Alltag. Integration heißt praktische Begleitung, nicht nur Formulare. Wer willkommen heißt, bekommt dafür Loyalität, Energie und Engagement zurück.

HI HEUTE: Was braucht es im Betrieb – jenseits von Sprachkursen?

Homeira Amiri: Strukturierte Prozesse, Geduld und echtes Interesse. Integration betrifft auch Wohnungssuche, Kultur, Alltag. Wer das ernst nimmt, gewinnt langfristige, engagierte Mitarbeitende. Menschlichkeit ist der Schlüssel.

HI HEUTE: Wo liegen aktuell die größten Hürden – und was müsste sich politisch ändern?

Homeira Amiri: In Bürokratie, Rechtslage und Mentalität. Es braucht digitale Verfahren, schnellere Visa, einheitliche Regeln und ein offenes Mindset. Sprachzertifikate vor dem Visum bremsen. Sprache lässt sich besser im Betrieb lernen. Wir holen keine Arbeitskräfte – wir holen Menschen.

HI HEUTE: Ist die Branche bereit für mehr Vielfalt und kulturellen Wandel?

Homeira Amiri: Ja – sie lebt ihn längst. Studien zeigen: In der speisegeprägten Gastronomie haben rund 50 Prozent der Mitarbeitenden Migrationshintergrund. Was fehlt, sind politische Maßnahmen wie schnellere Arbeitserlaubnisse, um das Potenzial wirklich zu nutzen.

HI HEUTE: Wie sieht das zukunftsfähige Team in der Gastronomie aus?

Homeira Amiri: Vielfältig, sinnorientiert, menschlich. Es braucht Vertrauen, digitale Prozesse zur Entlastung, Führung mit Haltung. Politik muss wirtschaftlich tragfähige Rahmenbedingungen schaffen – durch Weiterbildungsbudgets, steuerliche Entlastung und ausgewogene Abgaben- und Lohnstrukturen.

HI HEUTE: In der Denkfabrik Gastwelt arbeiten Sie an Lösungen für die Branche. Wie wird dort auf das Thema Personal geschaut?

Homeira Amiri: Ganzheitlich. Nicht nur als Fachkräftemangel, sondern als Systemfrage. Unsere Branche ist groß, integrativ, aber kämpft mit Lohnnebenkosten, Bürokratie und zu wenig politischer Unterstützung. Mit rund 6,1 Millionen Erwerbstätigen zählt der Dienstleistungssektor Gastwelt – bestehend aus den Teilbranchen Tourismus, Hospitality, Foodservice und Freizeitwirtschaft – zu den drei größten Arbeitgebern Deutschlands. Wir sind Integrationsmotor und Chancengeber. Das zeigen aktuelle Leistungskennzahlen der Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG). Besonders eine Zahl sticht dabei heraus: Der Beitrag des Sektors zur Bruttowertschöpfung ist im Jahr 2024 um über 30 Milliarden auf 483,7 Milliarden Euro gestiegen, was 11,2 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht.

HI HEUTE: Welche Trends sehen Sie für die Arbeitswelt in den nächsten fünf bis zehn Jahren?

Homeira Amiri: Der Wandel ist tiefgreifend: Flexibilität, Sinn, Arbeitgeberattraktivität und moderne Arbeitsmodelle werden zentral. Systemgastronomie nimmt zu, private Betriebe werden weniger. Die Zukunft gehört jenen, die aktiv gestalten, Prozesse neu denken und ihre Identität dabei bewahren, besonders im Mittelstand.

HI HEUTE: Ist die Branche bereit für diese Veränderung?

Homeira Amiri: Sie muss es sein. Der Wandel ist nicht optional. Wer sich nicht bewegt, verliert den Anschluss. Es braucht gemeinsame Verantwortung und Offenheit für neue Wege.

HI HEUTE: Wo liegt aktuell der größte Widerspruch zwischen politischen Zielen und betrieblicher Realität?

Homeira Amiri: In der Diskrepanz zwischen Bedeutung und Behandlung. Mit knapp 500 Milliarden Euro BIP-Anteil 2024 ist unsere Branche wirtschaftlich stark – politisch aber oft übersehen. Wir müssen unsere Anliegen gemeinsam und laut vertreten. Veränderung beginnt nicht nur in der Politik, sondern auch im Betrieb und in der Branche – an jedem Tisch, an dem Menschen zusammenkommen.

HI HEUTE: Aber was raten Sie Kolleginnen und Kollegen, die sagen: „Ich finde keine Leute mehr“?

Homeira Amiri: Bietet mehr als einen Job. Zeigt Wertschätzung, vom ersten Tag an. Fragt euch: Wie läuft das Onboarding? Wie schafft ihr Zugehörigkeit? Die Lösung liegt oft im Betrieb selbst, nicht nur im Bewerbermarkt. Menschen bleiben, wenn sie sich willkommen und wahrgenommen fühlen.

HI HEUTE: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten – was müsste sich ändern, damit Gastronomie wieder attraktiv wird?

Homeira Amiri: Dass Politik, Branche und Gesellschaft den wahren Wert der Gastwelt anerkennen. Politik sollte die Branche als system- und versorgungsrelevant behandeln. Die Branche selbst braucht von innen heraus noch mehr Zusammenhalt und gemeinsame Stärke. Und die Gesellschaft sollte Gastgeber wertschätzen, fair bezahlen und anerkennen, was Gastronomie leistet: Verbindung, vermittelt Kultur und steht für Menschlichkeit. Wir sind da – für Begegnung, für Gemeinschaft, für echte Erlebnisse.

Wer tiefer in die Themen eintauchen möchte, findet das vollständige Interview sowie weitere spannende Beiträge im neuen Digital-Magazin „GastroSpaces – Trends an der Schnittstelle zwischen Gastronomie und Immobilien“. Hier geht’s direkt zur Ausgabe: https://www.yumpu.com/de/document/read/70781035/hi-spezial-gastrospace 

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