Interview mit dem Architektur- und Stadtentwicklungsexperten Professor Johannes Ringel

Vorsicht bei der Integration großer Handelsimmobilien in das innerstädtische Gefüge: Prof. Johannes Ringel Foto: David Huth
Prof. Johannes Ringel beim Stabilitätsversuch mit Kugelschreibern Foto: David Huth

Stabilität ist beim Bauen das Maß aller Dinge. Aber wie gelingt das wirklich, und wie hat sich der Weg zur Stabilität im Laufe der Jahrzehnte verändert? Was heißt das für die Architektur und die gesamte Planung, wenn plötzlich dreidimensional designt werden kann? HI-HEUTE sprach dazu mit Johannes Ringel, Professor für Stadtentwicklung an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Leipzig und Geschäftsführender Gesellschafter des renommierten deutschen Architekturbüros RKW in Düsseldorf über diese und andere Fragen.

 


Was bedeutet Stabilität für die Architektur?
Prof. Johannes Ringel: Natürlich ist sie von entscheidender Wichtigkeit. Die Statikberechnung spielt hier eine wichtige Rolle. So wird ein Gebäude standfest. Aber es darf nie wirklich starr sein, sonst hält die Stabilität nur einen Moment lang. In dem Augenblick, wenn ein Gebäude eine besondere Lasteneinführung erhält, dann ist – auch, wenn es paradox klingt – die Flexibilität das Stabile und nicht das Starre. Ein Bauwerk muss zwar stabil gegründet sein, aber trotzdem innerhalb der Konstruktion jede Menge Flexibilität leisten, damit es nicht zusammenbricht: Flexibilität gegen Erschütterung von unten, Flexibilität gegen Lasten von außen, gleichzeitig aber auch Flexibilität gegen unterschiedliche Lasteinträge in vertikaler Hinsicht.  Dadurch besitzt das Gebäude in seiner Konstruktion die erforderliche Vielzahl an Fugen. Man kann dies auch aus der Natur ablesen. Ein menschliches Skelett ist dann stabil, wenn es nicht starr, sondern flexibel ist. In einem Satz  zusammengefasst, bedeutet das: Stabilität ist im Grunde Flexibilität!

Nicht nur Stabilität und Flexibilität hängen eng miteinander zusammen. Auch der Begriff Nachhaltigkeit wird oft mit Stabilität gleichgesetzt und vielleicht sogar in öffentlichen Diskussionen noch häufiger penetriert. Sehen Sie das auch so oder muss man die Begriffe doch stärker voneinander trennen?
Prof. Johannes Ringel:  Also im Bereich der Stadtentwicklung sprechen wir Architekten gern von Nachhaltigkeit und meinen damit sowohl ökologische, ökonomische als auch soziokulturelle Aspekte. Wenn ein Projekt auf diesen drei Säulen basiert, dann können wir von einer stabilen Entwicklung ausgehen.

Durch welche Maßnahmen werden denn gerade komplexe Gebäude stabil gemacht?
Prof. Johannes Ringel:  Mit Blick auf die großen Handelsimmobilien sind es die flexibel nutzbaren Konstruktionen, die über mehrere Generationen immer wieder für neue Weiterentwicklungen geeignet sind. Das hat was mit der günstigen Positionierung von Infrastruktur zu tun, aber auch mit Stützenstellungen.

 

Welche Vorteile bringt das neue dreidimensionale Planen?
Prof. Johannes Ringel:  Mit dem dreidimensionalen Planen kann man Kollisionspunkte feststellen. Wenn Sie sich so ein komplexes Gebäude wie ein multifunktionales Shopping Center mit unterschiedlichsten Nutzungen nur zweidimensional vor Augen führen – traditionell in Grundriss, Schnitt und Ansicht – können Kollisionen, die zwischen den Infrastrukturen und den statischen Notwendigkeiten entstehen können, hier möglicherweise übersehen werden. Von einem erfahrenen Architekt darf man das erwarten. Da aber so viele Fachbeteiligte an solchen Projekten arbeiten und zudem unzählige Schnittstellen entstehen, kann das dreidimensionale Planen bzw. Kollisionsüberprüfen in der dritten Dimension von enormen Vorteil sein. Ich kann mich noch bis heute darüber wundern, dass in dem Fertigungsprozess einer Immobilie am Schluss immer noch mit einem Kernbohrgerät ein Loch in einen fertigen Beton gebohrt wird, um durch dieses eine Abwasserleitung legen zu können. Das kann und sollte man mit 3-D-Planung eigentlich vermeiden können, aber selbst da passieren gelegentlich Wunder ...

Welche Baumaterialien verwendet man denn in diesen Zeiten besonders gern? Gibt es da eventuell Unterschiede zu früheren Jahren bzw. Jahrzehnten?
Prof. Johannes Ringel:  Die Grundbaustoffe sind seit dem alten Rom quasi die gleichen. Die Weiterentwicklung entsteht in dem Bereich der technischen Ausrüstung. Neue Baustoffe gibt es nicht wirklich. Doch die Art der Konstruktion hat sich verändert. Durch die dreidimensionale Planung sind dem Designer in seiner Fantasie deutlich mehr Möglichkeiten gegeben, Formen Ausdruck zu verleihen. Die Ausdruckskraft des Stiftes war insofern konstruktionsgelenkt und damit begrenzt. Das, was ich als Architekt gezeichnet habe, hatte ich im Hinterkopf als Konstruktion. Was die Form angeht, war dieser Vorgang stets reglementiert.

Aber das ist dreidimensional heute ganz anders, oder?
Prof. Johannes Ringel: Heute mit CAD sind die Planer in der Lage, zu blubben, zu blasen und zu pusten. Sie können per Computer die Formen ziehen. Dahinter liegt aber kein konstruierbares Gebilde. Das heißt, dass der Schritt von der Konstruktion zum Entwurf, der bei uns sozusagen verinnerlicht war im manuellen Zeichnen, oft verloren geht. Dadurch entstehen Konstruktionen, die nur mit sehr vielen Hilfskonstruktionen gebaut werden können. Das beste Beispiel dafür ist die Elbphilharmonie. Sie ist in ihrer Formensprache auf den ersten Blick sogar streng. Aber auf den zweiten Blick im Inneren sind die Formen doch sehr frei, was dem dreidimensionalen Planen geschuldet ist. Derjenige, der das dann konstruieren muss, hat seine liebe Not, noch für etwas Baubares zu sorgen. 

Aber modernes Bauen hat inzwischen auch ganz viel mit Ökologie zu tun.  
Prof. Johannes Ringel: Absolut richtig. In Zeiten von Smart City ist es zu kurz gesprungen, wenn man nur darauf schaut, dass Investion, Prozess und Ertrag in einem langfristig ökonomisch gesunden Verhältnis stehen. Mit Blick auf den Energieverbrauch, den Klimawandel bzw. Klimaschutz werden auch ökologische Aspekte immer bedeutsamer. Gerade in einer großen Handelsimmobilie sind die Energieverbräuche enorm, nicht zum Erwärmen der Räume, sondern zum Kühlen. Wärmerückgewinnung ist hier ein wichtiges Stichwort. Derartige Gebäude werden heute gern als Flächenkraftwerke bezeichnet. Darin kann man gut das neue ökologisch bewusste Denken erkennen, welches ein Shopping Center nicht nur als Energiesparer, sondern auch gleichzeitig als Energiequelle wünscht.

Und was ist mit soziokulturellen Aspekten, mit einem harmonischen Einfügen in das Stadtbild zum Beispiel?
Prof. Johannes Ringel: Man könnte philosophisch Stunden darüber nachdenken, was harmonisch ist. Für die Horten-Kaufhäuser in den 60er-Jahren war Harmonie durchaus gegeben, wenn sie sich einfach nur in einer Stadt niedergelassen haben. Das haben andere Generationen später natürlich ganz anders gesehen. Harmonie ist irgendwo immer auch eine Frage des Zeitgeistes und der Betrachtung. Ich betrachte dies als schwieriges Thema. Würden Sie zum Beispiel statt harmonisch einfühlsam sagen, dann müssen wir über die Bedeutung einer Immobilie in der Stadt nachdenken.  Wenn beispielsweise ein neuer Gebäudekomplex ausgrenzt, was auf sehr unterschiedliche Weise passieren kann, dann kann er keinesfalls einfühlsam sein und zu einer positiven Entwicklung der City beitragen.  Zum Beispiel in konzeptioneller Hinsicht durch ein Waren-Niveau, das nicht für jede Klientel gedacht ist oder personell gesehen durch Türsteher, die bestimmte Menschen nicht gern im Laden sehen. Oder ebenso durch  Ladenöffnungszeiten und eine zu geringe Anzahl von Ein- und Ausgängen. Eine Durchwegung in sehr großen Gebäuden auch nach Ladenschluss zu gewährleisten, wäre sicher einfühlsam, passiert aber eher selten.

Schlussfrage: Was glauben Sie, wie kann man Stabilität zukünftig noch optimieren?
Prof. Johannes Ringel: Wenn man aktuell hört, dass man auf deutschen Flachdächern noch rund eine Million Wohnungen bauen könnte, dann weiß man, dass da noch Luft nach oben ist. Das sehe ich natürlich kritisch, weil es in dem Zusammenhang auf sehr viele Aspekte ankommt, die man mit in Betracht ziehen muss. Aber sinnvoll ist es natürlich, in der Stadt zu verdichten anstatt noch mehr Land zu versiegeln.

Erstellt von Thorsten Müller