HI-HEUTE-Exklusiv-Interview mit Helmut Merkel, Logistikdienstleister in Asien und ehemaliger Karstadt-Vorstandsvorsitzende

Helmut Merkel

Kaum eine Nation verbringt so viel Zeit in Shopping Centern wie die Chinesen. Doch Freizeitdestinationen sind die wenigsten. Helmut Merkel, Logistikdienstleister in Asien und ehemaliger Karstadt-Vorstandsvorsitzende, der erst kürzlich eine Gruppe des German Council Of Shopping Centers in Hongkong mit seinem Fachwissen begleitet hatte, räumt in einem Exklusiv-Interview mit HI-HEUTE mit interkulturellen Missverständnissen auf.

 

Glaubt man chinesischen Handelsexperten, sind dortige Shopping Center ein Freizeitmagnet.

Vorsicht! Was die Experten damit sagen, meint etwas anders als viele Europäer denken. Das chinesische Wort für Freizeit ist „kòng, übersetzt: „Zeitlücke“, „Freizeit“ im Sinne von „arbeitsfreie Zeit ohne Verpflichtung“ hat in der asiatischen Kultur ebenso wenig Tradition wie Gewerkschaften, die sich für die 40 Stundenwochen stark machen.

Richtig ist, dass in den Megacities massig Menschen viel Zeit in den Centern verbringen. Würden Statistiken erfassen, wo man sich am häufigsten trifft, die Malls wären zweifellos auf Platz eins. Ein Grund für die Magnetkraft ist der Mangel an Alternativen. Ein zweiter das exorbitant gute Angebot an kleinen und großen Restaurants, Cafés und Snackbars. Über mehrere Etagen verteilt, ist es deutlich ausgeprägter als das, was wir von Deutschland kennen. Daraus jedoch zu schließen, chinesische Malls hätten ein ausgezeichnetes Freizeitangebot, ist falsch. Phasenweise boomten Kinos und Eislaufbahnen in den Malls, aber der Trend schwächte sich ab. In letzter Zeit sind Unterhaltungsangebot für Kinder im Aufwind. Laut Knight Frank wuchs ihr Flächenanteil von fünf bis zehn auf bis zu 15 Prozent.

Was heißt „Mangel an Alternativen?“

Die Besprechungsräume in den Büros sind dürftig. Falls es überhaupt welche gibt, möchte man hier ungern Zeit verbringen. Außerdem sind die Wohnungen meist klein und wenig attraktiv, Familie und Freunde trifft man eher außerhalb. Selbst eine familiengerechte 4-Zimmerwohnung werden Sie in einem Ballungszentrum kaum unter 2 Mio. USD finden. Shanghai ist etwa so groß wie das Bundesland NRW, nur dass man hier nicht eben ins Grüne fahren kann. Ist Feiertag, sieht man die wenigen Berge, die es gibt, vor lauter Besuchern nicht. Jeder fährt raus, die Masse trifft sich in der „Natur“. Auch das verdeutlicht: Unsere Vorstellung von Freizeit und Erholung ist mit der chinesischen inkompatibel.

Erklärt das, warum Shoppingcenter in den Megacitys boomen?

Shanghai besitzt mit 220 Malls, 70 Kaufhäusern sowie kleinen Läden und Restaurants eine Dichte an Handelsangebot, die mit der NRWs vergleichbar ist. Offiziell leben in der Stadt 17 Millionen Einwohner, realistisch geschätzt sind es 24 Millionen. Weil es nur bei Geburt eine Meldepflicht gibt, bleiben die Zugezogenen in der Regel unregistriert. Das Einzelhandelsvolumen lag 2015 bei ca. 140 Mrd. USD. Trotz der Menschenmassen sind nur wenige Malls profitabel. Die Entwickler spekulieren auf Wertzuwachs. Ihre Frequenzen liegen massiv über den europäischen, ihre Durchschnittsbons sind deutlich niedriger. Vier Personen können hier locker für 30 bis 40 USD Essengehen. Das hohe Besucheraufkommen sorgt für einen gewissen Ausgleich, verhindert aber nicht, dass viele Center wirtschaftliche Probleme haben.

Wie kommt es, dass chinesische Malls oftmals in Mixed-Use Projekten integriert sind?

In In Deutschland trieb man die Auflösung des Staatsbesitzes nach der Wiedervereinigung ziemlich dumm voran: Das Gros wurde unter Wert verhökert. In China war man sich dem Wert von Wirtschaftsvermögen und Grundstücken immer bewusst. Der Verkauf obliegt den Kommunen, die ihn seit bald 50 Jahren klug vorantreiben und daraus Einnahmen generieren.

Der Erwerb von Landparzellen geht in der Regel mit Auflagen einher, Wohnungen, Läden, Büros oder alles gemeinsam zu bauen. Deshalb sind viele Malls in Komplexe integriert und 90% aller Entwicklungen Mix-Used-Projekte. Weil die Center direkt auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause liegen, strömen Menschen zuhauf dorthin und hindurch. Die Privatisierung führt so auch zu einer dauerhaften Beschäftigungskette: Bauwirtschaft, Stahlindustrie, Ausbaugewerbe und Handel generieren die Hälfte des Bruttosozialproduktwachstums.

Zugleich muss man sich den Umfang chinesischer Megaprojekte klarmachen. Nehmen Sie das New Century City World Centre Chengdu. Mit 1,7 Mio. qm Nutzfläche ist es das größte Gebäude der Welt. Die Zara-Hadid-Architektur beherbergt Läden, Büros und Wohnungen, bietet aber auch Konzertsaal, Theater und Museum sowie ein künstliches Meer samt Strand, wo man baden und surfen kann. Nach europäischen Maßstäben ist das der Retortenstadt näher als einem Shopping Center, selbst wenn alles unter einem Dach ist.

Ist das der Grund, warum europäische Handelsexperten nach Chinareisen begeistert von gigantischen Shoppingpalästen und schlaraffenlandartigen Foodangeboten berichten?

Sie müssen zwischen verbreiteten Standards und der Crème de la Crème unterscheiden. Das Gros sind Nahversorgermalls, die vor allem Lebensmittel und Drogerieartikel mit einem spürbar größeren Restaurantangebot als bei uns bieten.

Natürlich hat auch China visionäre Architekten und Entwickler, die Destinationen erschaffen wollen: Die Macao Mall oder die Outletkette Florentia Village sind Florenz nachempfundene Kleinstädte. Auch die Global Harbor Mall Shanghai ist eine europäische Themenmall, die 160.000 qm Verkaufsfläche mit Wohnen, Büros und zwei Etagen Kunst kombiniert. Die Jinyuan Yansha Mall (IFC) Peking entfaltet auf 60.000qm ein Kinderdorf mit Grimms Märchen, Disney und Comichelden. In der Bärenfabrik können die Kleinen ihren Teddy designen und herstellen. Zugleich ist das Angebot so ausgerichtet, dass sich auch Erwachsene wohlfühlen. Teenager hingegen finden in Shanghais Global Harbor Mall mit dem Sega-Joypolis eine über 8000 qm große Videospielewelt vor. Während die Hubindao Mall in Xintiandi 1500 qm dem Basketball und Chinas populärster Mannschaft NBA widmet.

Und in Shanghais IAPM tobt am Wochenende der Bär. Der Honkonger Entwickler Sun Hung Kai Property experimentiert hier, welche Tanz- und Unterhaltungsevents man in der Halle anbieten muss, um junge Leute abends in die Mall zu bewegen. Aufgrund solcher Destination entsteht der Eindruck, Chinas Shoppingcenter seien freizeitorientiert. Aber das stimmt bislang nur vereinzelt für Vorreiterprojekte.

Wie wichtig ist die Riesenauswahl des Restaurantangebots für die Frequenz?

Chinas Menschenmassen sind gigantisch. Hier existieren Straßenecken, die bei Frequenzmessungen auf 24 Mio. Personen pro Jahr kommen. Entsprechend umfangreicher ist die Gastronomie skaliert. In Deutschland finden Sie niemals so viele Menschen, die zur gleichen Zeit Essen gehen wollen – quantitativ ist das kein Maßstab für Deutschland.

Was können wir von China lernen?

Wie oft rufe ich Bekannte an, die gerade in der Mall sitzen und Büroarbeit erledigen oder was trinken. Daran können wir in Deutschland arbeiten. Schnelles Gratisinternet und Convenience-Flächen sind in China starke Zugpferde. Vom Jugendlichen bis zum Greis beschäftigen sich alles mit ihrem Smartphone. Verglichen damit, ist Deutschland eher Fünftes als Drittes Weltland. Die Netzgeschwindigkeit liegt in Deutschland bei doppeltem Preis um das 15- bis 30-fache niedriger, da hilft es auch nicht, wenn Vodafone 100 Städte endlich mit Glasfaser ausrüstet. Wir lahmen hinterher, weil die Telefongiganten ihre Marktstellung ausspielen. Erfreulich jedoch ist, dass deutsche Shoppingcenter Betreiber die WiFi- und Surffreundlichkeit allmählich ernst nehmen, wenn auch zehn Jahre später als in China.

Professor Helmut Merkel ist in Deutschland vor allem durch sieben Jahre Geschäftsführung bei Deichmann und acht Jahre bei der Karstadt AG bekannt. Dort verantwortete er u.a. als Vorstandsvorsitzender die Restrukturierung des Konzerns. In seiner Zeit fiel die Entscheidung, die Premiumgroup (KaDeWe, Alsterhaus, Oberpollinger) zu etablieren und die 74 kleinen Karstadt Warenhäuser zu veräußern. Seit 2008 ist er selbständiger Unternehmer in Asien/Hong Kong. Seine Geschäftsfelder sind Logistik-Dienstleistungen sowie der Export von Lifestyleprodukten wie Lebensmittel und Getränken nach China.

Erstellt von Rahel Willhardt