Exklusivinterview mit Neal Gemassmer, Vice President Europe bei Yardi Systems

Neal Gemassmer, Vice President Europe (links) und HI HEUTE-Chefredakteur Thorsten Müller. Foto: HI HEUTE

Das Softwareunternehmen Yardi, das auch im Bereich der Handelsimmobilienwirtschaft zahlreiche namhafte Unternehmen als Kunden besitzt, hat sich unlängst mit eigenem Stand auf der internationalen Immobilienmesse MIPIM in Cannes präsentiert. HI HEUTE-Chefredakteur sprach dazu mit dem europäischen Vice President Neal Gemassmer.

 

HI HEUTE: Die MIPIM 2022 zeigt eine starke Verbesserung gegenüber dem Vorjahr. Die nachlassende Pandemie hat dabei eine große Rolle gespielt. Die Menschen freuen sich wieder auf die Veranstaltungen. Was war ausschlaggebend für die Messeteilnahme von Yardi?

Neal Gemassmer: Yardi ist ein langjähriger Unterstützer der MIPIM, wir sehen die Messe als einer der wichtigsten Veranstaltungen der Branche und haben uns gefreut, hier wieder persönlich dabei sein zu können. Es war sehr erfreulich, mit den Teilnehmern wieder persönlich ins Gespräch zu kommen, um nicht nur die aktuellen Bedürfnisse der Immobilienbranche zu erörtern und zu unterstützen, sondern der Branche auch zu helfen. Wir helfen, indem wir Innovationen unserer Technologie bereitstellen, die bei der Bewältigung von zukünftigen Herausforderungen unterstützen sollen.

HI HEUTE: Merken Sie, was die Stimmung und Ihre Auftragslage angehen, dass Corona nicht mehr den Stellenwert hat, den es in den letzten zwei Jahren hatte?

Neal Gemassmer: Die weltweite Pandemie hat in den letzten zwei Jahren den Alltag beherrscht, und zwar nicht nur in der Immobilienbranche. Wie alle anderen auch, wussten wir in der Anfangsphase der Pandemie nicht, wie sich die Welt durch radikale Veränderungen - z.B. das Arbeiten von Zuhause - darstellen würde. Wir fragten uns, wie unsere Kunden mit diesem Wandel umgehen würden und welche Auswirkungen es auf ihre Investitionen und ihr Geschäft hätte. Während der gesamten Corona-Situation haben wir uns darauf konzentriert, unsere Kunden durch diesen Prozess zu begleiten. Als Unternehmen sind wir gestärkt aus dieser Zeit hervorgegangen, und auch die Beziehung zu unseren Kunden hat sich gefestigt. Heute sind die Menschen begeistert davon, sich persönlich treffen und zusammenzuarbeiten zu können. Neue Arbeitsweisen wurden umgesetzt, jedoch würde ich nicht sagen, dass sie nicht dieselbe Bedeutung haben, aber Covid hat den Fokus von Unternehmen geschärft. Sie waren in der Lage, Bereiche zu identifizieren, in denen Technologie fehlte und in denen sie in zahlreichen Aspekten des Lebenszyklusses von Immobilien einen größeren Mehrwert schaffen kann.

Die Menschen sind bereit zu Veränderungen und hoch motiviert, zur Normalität zurückzukehren, weshalb physische Veranstaltungen wie die MIPIM in Zukunft unerlässlich sind. Wir sind allerdings noch nicht an dem Punkt angelangt, an dem wir die Pandemie vergessen sollten. Nun sollten wir damit beginnen, uns vorwärtszubewegen und nicht nur die neuen hybriden Arbeitsweisen, sondern auch die innovative Technologie, die bei allen Arten von Gewerbeimmobilien, Shared-Workspace, Wohnungswirtschaft, studentischem Wohnen und vielem mehr helfen kann, vollkommen zu akzeptieren.

HI HEUTE: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Branche in den letzten zwei Jahren?

Neal Gemassmer: Wir wissen noch nicht, wie sich die Pandemie langfristig auf die Branche auswirken wird, aber kurzfristig hat sie das Verhältnis zwischen den gewerblichen Mietern und den Eigentümern von Büroflächen erheblich beeinflusst. Viele gewerbliche Mieter wollen nun kürzere Mietverträge mit weniger Fläche abschließen, aber sie wollen auch flexiblere Flächen. Wir beobachten zunehmend, dass Eigentümer expandieren und diversifizieren. Immobilien mit verschiedenen Nutzungsarten wie Studentenwohnheimen, Wohngebäuden sowie Einzelhandels-, Co-Working- und traditionellen Büroflächen werden angeboten. Da immer mehr Unternehmen gemischte Portfolios verwalten, besteht ein Bedarf an einer Technologie, die skalierbar ist und jeder der Assetklassen nahtlos verwalten kann, einschließlich der damit verbundenen Komplexität. Die Technologie von Yardi ist für die Herausforderungen von morgen konzipiert, mit skalierbaren Lösungen, die für gemischte Nutzung, Gewerbe und Wohnen geeignet sind und gleichzeitig andere Aspekte wie Governance, Datenschutz und mehr innerhalb einer integrierten Lösung verwalten. Die Branche entwickelt sich weiter, und der Bedarf an besseren Daten und einer einzigen Informationsquelle ist wichtiger denn je.

HI HEUTE: Ist die Digitalisierung in den Büros Ihrer Auftraggeber aus Ihrer Sicht erkennbar vorangeschritten oder gibt es noch viel Raum für Optimierungen?

Neal Gemassmer: Die Investition in Technologie hat es unseren Kunden ermöglicht, ihre eigenen Kunden besser zu verstehen und zu erkennen, wie sie sich differenzieren müssen, um ihr Geschäft auszubauen. Wir haben vor kurzem mit Business Immo eine Umfrage darüber durchgeführt, wie Branchenexperten Proptech einsetzen. Eines der wichtigsten Ergebnisse war, dass 35 % der Befragten aufgrund der Pandemie mehr für Proptech ausgegeben haben und der Hauptgrund für den Einsatz von Technologie die Verbesserung von Prozessen und Workflows war. Im Bereich der manuellen Back-Office-Funktionen wie dem "Procure-to-Pay"-Prozess, der bisher auf dem Postweg abgewickelt wurde, war die Technologie für viele Kunden die rettende Lösung. Ein Portal, in dem die Nutzer ihre persönlichen Daten aktualisieren, Compliance-, Versicherungs- oder Arbeitsschutzdokumente hochladen und Rechnungen elektronisch einreichen können, ermöglicht schnellere Zahlungen und Echtzeit-Aktualisierungen von Rechnungen.

Wir sind noch nicht beim vollständig papierlosen Arbeiten angelangt, aber die Digitalisierung der Rechnungsstellung und der Zahlungen schafft ein verbessertes und effizienteres System - und ein geringerer Papierverbrauch wirkt sich obendrein positiv auf unsere Umwelt aus.

HI HEUTE: Was sind Yardis besondere Pläne für dieses Jahr?

Neal Gemassmer: Als Unternehmen entwickeln wir uns ständig weiter, um die sich ändernden Anforderungen unserer Kunden und deren Kunden zu erfüllen. Dies tun wir zum Teil durch die Innovation unserer Produkte und durch Übernahmen. So haben wir beispielsweise im vergangenen Jahr „We Are Forge“ übernommen, dass nun als unsere neueste Lösung für das Besuchermanagement, Yardi Bluepoint, vollständig in Yardi integriert ist. Yardi wächst weiterhin organisch mit einer Rate von etwa 15-20 %. Heute beschäftigen wir knapp 8.000 Mitarbeiter und ich würde sagen, dass wir eines der größten, wenn nicht sogar das größte Proptech-Unternehmen der Welt sind. Wenn wir also Unternehmen erwerben, dann nicht wegen des Umsatzes. Wir erwerben sie wegen der Technologie und der Mitarbeiter, die uns helfen werden, uns weiterzuentwickeln und als Unternehmen zu wachsen.

 

Wir blicken optimistisch in die Zukunft der Immobilienbranche, denn trotz der Veränderungen, die durch die Pandemie ausgelöst und beschleunigt wurden, wird die Nachfrage nach physischen Immobilien in absehbarer Zeit nicht verschwinden. Es mögen sich zwar manche Aspekte ändern, aber diese Änderungen bergen auch Chancen. Es ist unwahrscheinlich, dass sich das Innovationstempo in absehbarer Zeit verlangsamen wird. Es wird sich nur noch beschleunigen, und das wird Auswirkungen darauf haben, wie Menschen Immobilien bauen, kaufen und verkaufen. Es ist für die Immobilienbranche eine aufregende Zeit, und wir freuen uns, eine Schlüsselrolle bei der entscheidenden Frage zu haben, wie sich die Dinge in Zukunft entwickeln werden.