Julia Opitz ist die Produktionsleiterin vom Brachland-Ensemble. Im Interview erzählt sie, welche Rolle Kultur für die Stadtentwicklung spielt.

Das Brachland-Ensemble bei einem Auftritt in Nürnberg. Foto: Brachland-Ensemble

Seit 2011realisiert das Brachland-Ensemble Projekt, die zwischen zeitgenössischem Theater, journalistischer Recherche und politischer Bildung angesiedelt sind. Die Produktionsleiterin Julia Opitz kümmert sich beim neben ihren Aufgaben in der Produktion auch noch um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie das Company Management. Im Interview spricht sie darüber, was die Ensemble-Projekte mit der Innenstadt zu tun haben und welche Bedeutung hier Kunst und Kultur haben.

Was hat das BrachlandEnsemble mit der Innenstadt zu tun?

Wir verstehen Städte, Kommunen und Gemeinden als Laboratorien der Gesellschaft. Hier werden die Ideen entwickelt, erprobt und umgesetzt, die unseren Lebensraum und unser gesellschaftliches Miteinander prägen. Das Brachland-Ensemble entwickelt Konzepte, um diese Räume erfahrbar und die individuellen Potentiale von Bürger:innen sichtbar zu machen und diese im Hinblick auf eine Beteiligung an gesellschaftsverändernden Prozessen zu aktivieren. Dabei beziehen wir den ländlichen Raum in unsere Überlegungen stets mit ein.

Welche Bedeutung haben Kunst und Kultur derzeit für die Innenstädte und wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung ein?

Nicht erst seit der Pandemie bewegt sich Kunst auch im Öffentlichen Raum, jenseits der etablierten "Kultur-Tempel". Bis dato bleibt es jedoch oftmals bei einem Bespielen von vorhandenen Räumen auf einer rein ästhetischen Basis. Die Herausforderungen der Zukunft, seien es der Klimawandel oder die Erschließung neuer Wohnräume können aber nur durch ein aktives Erfahren und gemeinsames Gestalten bewältigt werden. Die Kultur kann Lücken sichtbar machen, Chancen aufzeigen und Verbindungen schaffen. Dafür ist es wichtig, dass die Kultur sich neuen Themen öffnet und ohne erhobenen Zeigefinger Kooperationen eingeht, die neue Erkenntnisse bringen und solidarisches Zusammenleben und -arbeiten fördern.
Dafür sind, wie auch in der Wirtschaft, Investitionen notwendig. Deutschland muss hier dringend mutiger werden. Es lohnt sich.

Was konnte das BrachlandEnsemble bisher dazu beitragen?

Auf der Basis von bis zu 1,5-jährigen Recherchen in enger Zusammenarbeit mit Expert:innen aus den Bereichen Wissenschaft, Medien, Politik, Menschenrechte und Wirtschaft haben wir Konzepte und Instrumente darüber entwickelt, wie Bürger:innen ihre Beziehung zu ihrem (urbanen) Lebensraum und ihren Mitbürger:innen definieren und hinterfragen können. Dazu kooperieren wir u.a. mit diversen Landeszentralen für politische Bildung, Kommunen wie z.B. Nürnberg, Fulda, aber auch Bildungseinrichtungen, wie der RWTH Aachen und stehen in engem Austausch mit verschiedenen Ministerien, Regionalverbänden aber auch der Europäischen Kommission und Abgeordneten des EU-Parlaments.

Welchen Nutzen können Kommunen und stadtrelevante Unternehmen dadurch erzielen?

Viele Ideen und Konzepte scheitern an schlechter Vermittlung. Diese müssen erfahrbar gemacht werden. Gleichzeitig wird dadurch die zwischenmenschliche Beziehung verdeutlicht, die den Kitt einer (urbanen) Gesellschaft bildet. Mit unseren Methoden bilden wir die Grundlage für neue Netzwerke. Dabei richten wir uns nicht nur an ein breites Publikum, sondern entwickeln unsere Konzepte auch gezielt im Hinblick auf die Aktivierung von Multiplikator:innen.

Wie können sich unsere Leser:innen einen Eindruck davon verschaffen?

Anbei ein kurzer Einblick in unsere Arbeit anhand zweier Projekte, die sich auf verschiedene Weise mit den Themen Stadt und Bürger:innen-Beteiligung befassen. 2017 formulierten wir mit Unterstützung der Landeszentrale für politische Bildung NRW im Rahmen der internationalen Recherche zur Produktion Revolution: Alles wird gut! das Konzept des „Praktischen Possibilismus“. Der Kerngedanke liegt darin, dass jeder Mensch über ganz individuelle Interessen und dadurch auch eigene Kompetenzen verfügt und diese zielgerichtet bei Problemen eingesetzt werden sollen, um einen möglichst hohen persönlichen und gesamtgesellschaftlichen Nutzen zu erzielen. Seither ist jene philosophische Idee Grundlage aller unserer Projekte zur politisch-kulturellen Bildung.

Und das zweite Projekt?

Wäre Ihre Stadt ein einzelner Mensch, wie wäre er? Wäre er lustig? Wäre er gesund? Wäre er alt oder jung? Welche Visionen hätte er, was spielte er, worüber lachte dieser Mensch? Welche Erfahrungen hätte er gemacht und was hätte ihn bewegt? Mit „Wer sind wir denn?“ hat das Brachland-Ensemble ein einzigartiges Spiel entwickelt, ein Mosaik aus Impressionen, Statistiken, Interviews und Behauptungen, kombiniert mit interaktiven Elementen und neuen Formen der Bürger: innen-Beteiligung.

Wer Julia Opitz, Produktionsleitung des Brachland-Ensembles,einmal persönlich kennenlernen will, der hat am Donnerstag, 16. September, die Gelegenheit dazu. An diesem Tag ist sie zu Gast am Stadtretter-Stand auf der Polis Convention in Düsseldorf.