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Ralph Schlusche ist Verbandsdirektor des Verbandes Region Rhein-Neckar. In dieser Funktion verantwortet er die strategische Steuerung der Verbandsverwaltung und begleitet zentrale Fragen der Regionalplanung, Regionalentwicklung und interkommunalen Zusammenarbeit in der Metropolregion Rhein-Neckar. Zugleich nimmt er die Geschäftsführung der Metropolregion Rhein-Neckar GmbH gemeinsam mit Dr. Dennis Fanelsa wahr. Petra Schelkmann ist stellvertretende Verbandsdirektorin und Leitende Direktorin. In dieser Funktion verantwortet sie den Geschäftsbereich der gesamträumlichen Planung. Wir sprachen mit beiden über zeitgemäße Nahversorgung und wie sie planerisch zu steuern ist. Ein Doppel-Interview aus unserem LEH-Radar.
HI HEUTE: Herr Schlusche, der Regionalverband Rhein-Neckar ist kein Händler, sondern ein strategischer Rahmensetzer. Warum ist es Ihnen wichtig, dass Nahversorgung als Teil der Daseinsvorsorge und Demokratie verstanden wird?
Ralph Schlusche: Nahversorgung ist weit mehr als die Frage, wo Menschen ihre Lebensmittel einkaufen. Sie entscheidet mit darüber, ob Menschen selbstbestimmt am Alltag teilnehmen können – unabhängig von Alter, Einkommen oder Mobilität. Gerade in einer polyzentrischen Region wie Rhein-Neckar mit großen Städten, Mittelzentren und ländlich geprägten Räumen ist eine erreichbare Versorgung ein Stück Lebensqualität und Chancengleichheit. Wenn zentrale Angebote verschwinden, verliert ein Ort nicht nur Infrastruktur, sondern auch Alltag, Begegnung und Bindung. Deshalb verstehen wir Nahversorgung als Teil der Daseinsvorsorge – und damit auch als wesentlichen Baustein zur Schaffung gleichwertiger Lebensbedingungen.
HI HEUTE: Sie sprechen oft von „Planung mit Haltung“. Was bedeutet das konkret – und wie zeigt sich Haltung in der Regionalplanung?
Ralph Schlusche: Planung mit Haltung bedeutet für mich, nicht nur Flächen zu ordnen, sondern Verantwortung für die Entwicklung unserer Region zu übernehmen. Regionalplanung muss abwägen, aber sie darf nicht beliebig sein. Sie muss Zentren stärken, Ortskerne schützen, Erreichbarkeit sichern und gleichzeitig wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen. Haltung zeigt sich dort, wo man langfristige Gemeinwohlinteressen gegen kurzfristige Einzelinteressen abwägt. Gute Planung schafft nicht für jeden Wunsch sofort eine Lösung, aber sie gibt Orientierung, Verlässlichkeit und eine gemeinsame Richtung.
HI HEUTE: In einer Zeit, in der viele Entscheidungen lokal oder privatwirtschaftlich getroffen werden: Warum braucht es eine regionale Ebene, die übergreifend denkt?
Ralph Schlusche: Viele Entwicklungen enden nicht an Gemeindegrenzen: Einkaufsverhalten, Pendlerströme, Flächenkonkurrenzen und Standortentscheidungen wirken regional. Wenn jede Kommune allein entscheidet, entstehen schnell Verlagerungseffekte, die am Ende Ortskerne schwächen und Wege verlängern können. Die regionale Ebene hilft, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen und fair zu ordnen. Sie ersetzt nicht die kommunale Entscheidung, sondern ergänzt sie um den Blick auf das Ganze. Gerade beim Einzelhandel braucht es diesen Maßstab, damit Standorte nicht auf Kosten anderer gewachsener Versorgungsstrukturen entstehen.
HI HEUTE: Frau Schelkmann, Sie verantworten die Regionalplanung. Wie lässt sich Nahversorgung überhaupt planerisch steuern – wo doch niemand „in Regionalplänen einkaufen“ kann?
Petra Schelkmann: Eine adäquate und angemessene Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen ist ein wesentlicher Bestandteil der Daseinsvorsorge und muss regionsweit in allen Teilräumen gesichert sein. Dabei spielt der stationäre Einzelhandel mit seinen unterschiedlichen Ausprägungen auch in Zukunft eine wesentliche Rolle. Standortwahl oder Größe von Einzelhandelsgroßprojekten können dabei jedoch erhebliche Auswirkungen auf die angestrebte siedlungs- und verkehrsstrukturelle Entwicklung, die städtebauliche Entwicklung, die wohnortnahe Versorgung und damit insgesamt auf die Funktionsfähigkeit unserer Stadt- und Ortszentren haben. Daher ist die räumliche Steuerung der Ansiedlung und Erweiterung von Einzelhandelsgroßprojekten auf der Ebene der Raumordnung aus Sicht des Verbandes auch in Zukunft geboten.
HI HEUTE: Wie lässt sich eine wohnortnahe Versorgung sichern bzw. steuern, und was kann die Regionalplanung hier leisten?
Petra Schelkmann: Hierfür sind in den einschlägigen Landeswicklungsplänen und -programmen bereits heute entsprechende Steuerungsansätze vorgesehen. Zentrales Steuerungsinstrument ist der Einheitliche Regionalplan Rhein-Neckar mit seinen Festlegungen in Plansätzen und Karten. So soll zum Beispiel „die verbrauchernahe Versorgung zur Deckung des kurzfristigen, täglichen Bedarfs (insbesondere mit Lebensmitteln) in allen Städten und Gemeinden der Metropolregion Rhein-Neckar gewährleistet und sichergestellt werden (…)“. Der Regionalplan regelt als zentrales Steuerungsinstrument zwar nicht alleine, aber maßgeblich mit – das „Wo“, „Was“ und „Wie“. Wo kauft man was ein? Wie gut kommt man dorthin, und wie bettet sich das in das große Ganze ein?
Er konkretisiert übergeordnete Landesvorgaben aus Landesentwicklungsplänen und -programmen und verknüpft diese mit kommunalen Planungen bzw. Planungsabsichten („Gegenstromprinzip“). Die Steuerung der Nahversorgung leistet hier einen wesentlichen Beitrag zur Sicherstellung gleichwertiger Lebensbedingungen in allen Teilräumen. Dabei ist das Ziel nicht eine exakt gleiche Ausstattung von Dienstleistungen und Services in allen Teilregionen, sondern vielmehr die Organisation einer flächendeckenden Sicherstellung von gesellschaftlicher Teilhabe und Entwicklungsmöglichkeiten entsprechend ihrer zentralörtlichen Funktion im Raum. Dies lässt sich am Ende nur gemeinschaftlich gestalten.
HI HEUTE: Welche Instrumente nutzt der Verband, um wohnortnahe Versorgung zu sichern oder zu fördern?
Petra Schelkmann: Der Verband nutzt hier in erster Linie das im Einheitlichen Regionalplan Rhein-Neckar festgelegte differenzierte raumplanerische Steuerungsinstrumentarium. Grundlage ist hier das „Zentrale-Orte-Konzept“ (ZOK) bzw. „Zentrale-Orte-System“ (ZOS). Das System der zentralen Orte hat sich hinsichtlich der raumverträglichen Steuerung und Konzentration des großflächigen Einzelhandels auf zentrale Orte einer gewissen Hierarchiestufe grundsätzlich bewährt und bildet das Grundgerüst, um die stationäre Nahversorgung gerade in den ländlich strukturierten Räumen aufrecht zu erhalten und die „sonstigen Sortimente“ in den zentralen Versorgungskernen der Innenstädte sowie Ergänzungsstandorten der Ober- und Mittelzentren zu konzentrieren. Die Raumordnung steuert über Zentrenkonzepte, Integrationsgebote und Kaufkraftbindungskriterien. Konkrete Steuerungsinstrumente sind die bundesweit nahezu in allen Landesentwicklungs- sowie Regionalplänen zu findenden raumordnerischen „Gebote“ und „Verbote“ wie das „Konzentrationsgebot“, das „Integrationsgebot“, das „Beeinträchtigungsverbot“ sowie das „Kongruenzgebot“. Sie sollen eine geordnete städtebauliche Entwicklung sicherstellen, die Grundversorgung im Umland garantieren und die Innenstädte vor Kaufkraftabflüssen schützen und damit auch die verbrauchernahe Nahversorgung angemessen sicherstellen.
Darüber hinaus bilden kommunale bzw. interkommunale Entwicklungskonzepte eine wichtige Planungsgrundlage. Auch bewährt hat sich die regelmäßige und intensive Abstimmung von Einzelhandelsvorhaben unsererseits mit den dafür zuständigen Stellen der Landesplanung sowie der kommunalen Bauleitplanung.
HI HEUTE: Gibt es Beispiele, wo die regionale Planung ganz konkret geholfen hat, Versorgungslücken zu schließen oder Fehlentwicklungen zu vermeiden?
Petra Schelkmann: In einer Region mit 15 Stadt- und Landkreisen und 290 Kommunen sind der Aufbau und die Pflege eines umfassenden Monitorings zu aktuellen Versorgungslücken nicht darstellbar. Insgesamt lässt sich jedoch sagen, dass wir mit dem Einheitlichen Regionalplan bislang gute Erfahrungen gemacht haben und gerade erst die Kapitel Wohnen und Gewerbe fortgeschrieben haben. Was das angeht, sind wir auf dem aktuellen Stand. Gleichwohl ist der Regionalplan mittlerweile in die Jahre gekommen und wird dem veränderten Kaufverhalten und neuen Betriebsformen vielleicht nicht immer ganz gerecht. Dessen sind wir uns bewusst und sind daher dabei, erste Vorarbeiten für eine Neuaufstellung des Regionalplans vorzubereiten. Wir sehen dabei durchaus, dass mit dem zunehmenden Anteil des Onlinehandels der stationäre Einzelhandel in den Innenstädten, Orts- und Stadtteilzentren zunehmend unter wachsenden Wettbewerbsdruck gerät. Dadurch wird sich die Nutzungsstruktur in den Versorgungskernen zwar sukzessive verändern, aber der Einzelhandel wird weiterhin ein wesentliches Element bleiben. Entsprechend ist zum Erhalt lebenswerter Stadt- und Ortsmitten auch unter den veränderten Rahmenbedingungen eine Steuerung des Einzelhandels auf regionaler Ebene in Zukunft unerlässlich, und wir werden uns darauf vorbereiten.
HI HEUTE: Wie gelingt die Abstimmung zwischen drei Bundesländern – Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz – bei einem Thema, das so nah am Alltag der Menschen liegt?
Petra Schelkmann: Wir stehen mit unseren Ländern in regelmäßigem fachlichem Austausch und sind in unterschiedlichem Maße in die Neuaufstellung der Landesentwicklungspläne und -programme eingebunden. Mit dem aktuell gültigen Einheitlichen Regionalplan liegt zudem eine abgestimmte planerische Grundlage vor. Einzelfall bezogen gelingt die Abstimmung in der Regel gut. Alle Beteiligten sind gewillt, adäquate Lösungen zu finden, und natürlich passen nicht immer alle landesplanerischen Vorgaben bzw. Bewertungen eins zu eins zusammen. So sind beispielsweise nicht immer alle Datengrundlagen und Konzepte ohne Anpassungen anwendbar. Allerdings ließen sich bislang mit einer pragmatischen, fachlich fundierten Herangehensweise und mit der notwendigen Flexibilität immer gute Lösungen finden. So sieht unser Staatsvertrag nicht umsonst mit dem Instrument der Raumordnungskommission Rhein-Neckar ein zentrales länderübergreifendes Abstimmungsgremium vor. Die Kommission und die Verbandsverwaltung tagen regelmäßig zu Fragen der Harmonisierung und Umsetzung der länderspezifischen Landesplanungsvorgaben auf dem Gebiet der Metropolregion.
HI HEUTE: Nahversorgung ist mehr als Einkauf – sie schafft Begegnung, Vertrauen, Teilhabe. Wie kann Planung diese sozialen Funktionen überhaupt erfassen oder fördern?
Petra Schelkmann: Planung kann soziale Funktionen nicht vollständig in Karten, Plansätzen und Tabellen abbilden, aber sie kann die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sie überhaupt entstehen. Ein Supermarkt, ein Bäcker oder ein Dorfladen in gut erreichbarer Lage ist oft auch ein Ort der kurzen Gespräche, der Alltagskontakte und der gegenseitigen Wahrnehmung. Deshalb kommt es darauf an, Versorgung nicht nur nach Verkaufsfläche zu betrachten, sondern nach Lage, Erreichbarkeit und Einbindung in den Ort. Regionalplanung kann integrierte Standorte stärken und Entwicklungen fördern, die Ortsmitten beleben, statt sie zu entleeren. Das Soziale entsteht durch Menschen – aber Planung entscheidet mit, ob dafür Räume bleiben.
HI HEUTE: Herr Schlusche, Sie sprechen von „Demokratie im Alltag“. Was meinen Sie damit im Kontext von Supermarkt, Bäcker und Dorfladen?
Ralph Schlusche: Demokratie im Alltag bedeutet für mich, dass Menschen ihren Alltag selbstbestimmt gestalten können – unabhängig davon, ob sie jung oder alt sind, ein Auto besitzen oder auf kurze Wege angewiesen sind. Supermarkt, Bäcker oder Dorfladen sind dabei mehr als Versorgungsorte: Sie sind niedrigschwellige Orte der Begegnung, der Information und des sozialen Zusammenhalts. Wenn solche Strukturen verschwinden, wird Teilhabe schwieriger – und das spüren Menschen ganz unmittelbar.
HI HEUTE: Frau Schelkmann, wie verändert sich die Nahversorgung durch Demografie, Digitalisierung und Mobilität – und was bedeutet das für die Planung?
Petra Schelkmann: Die Themen Demografie, Digitalisierung und Mobilität sind für die künftige Einzelhandelsentwicklung insoweit relevant, als der demografische Wandel mit einer zunehmend alternden Bevölkerung weiterhin aktuell ist und nicht alle Bevölkerungsgruppen über einen eigenen Pkw verfügen können oder wollen. Wohnortnahe Einkaufsmöglichkeiten sind gerade für ältere, mobilitätseingeschränkte Menschen ein wichtiger Aspekt der sozialen Teilhabe. Deshalb bleibt es auch weiterhin wichtig, die integrierten Lagen des Einzelhandels zu erhalten und zu stärken. Die Digitalisierung spielt im Bereich der Lebensmittelnahversorgung nach unserer Einschätzung bisher noch eine eher untergeordnete Rolle, da der Einkauf auch in den Städten nach wie vor überwiegend stationär erfolgt.
Perspektivisch gehen wir davon aus, dass im Rahmen der anstehenden Fortschreibungen des Landesentwicklungsprogramms Rheinland-Pfalz und des Landesentwicklungsplans Baden-Württemberg an der raumordnerischen Steuerung des großflächigen Einzelhandels grundsätzlich festgehalten wird. Zur Wahrheit gehört aber, dass der stationäre Einzelhandel mit dem zunehmenden Anteil des Onlinehandels in den Innenstädten, Orts- und Stadtteilzentren zunehmend unter wachsenden Wettbewerbsdruck gerät. Dadurch wird sich die Nutzungsstruktur in den Versorgungskernen sukzessive verändern, aber der Einzelhandel wird weiterhin ein wichtiges Element bleiben. Entsprechend ist zum Erhalt lebenswerter Stadt- und Ortsmitten unter den veränderten Rahmenbedingungen eine Steuerung des Einzelhandels auf regionaler Ebene in Zukunft unerlässlich. Darüber hinaus ergeben sich durch die erweiterten Möglichkeiten des Onlinehandels zusätzliche Herausforderungen in den Bereichen Verkehr und Logistik, aber auch – etwa mit Blick auf personallose Verkaufskonzepte – neue Chancen für die Versorgung im Ländlichen Raum wie 24/7-Smart-Store-Konzepte und digitale Nahversorger wie Tante Enso, Tante-M, tegut (teo) etc., die in unserer Region zunehmend Fuß fassen.
HI HEUTE: Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Kommunen, Handel und Wissenschaft, um diese gesellschaftliche Dimension sichtbar zu machen?
Petra Schelkmann: Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung ist gut und kann auch hier den Blick schärfen. Über wissenschaftliche Untersuchungen, Studien und Analysen lassen sich Lebensrealitäten sichtbar und messbar machen, lassen sich abstrakte Begrifflichkeiten und konkrete Betroffenheiten greifbar machen. Das hilft, Planung auf der jeweiligen Ebene zielgenauer auszurichten, Akzeptanz zu fördern und Prozesse zu beschleunigen. Deshalb nehmen wir als Verband regelmäßig an verschiedenen Forschungs- und Modellprojekten teil - wie zuletzt an dem Modellvorhaben der Raumordnung (MORO) zur flächensparenden Siedlungs- und Freiraumentwicklung) - oder haben uns erfolgreich im Rahmen des Förderprogramms „Strategische Regionalentwicklung“ (RegioStrat) des Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) beworben. Insgesamt haben wir gute Erfahrungen mit neuen Formaten und innovativen Planungsansätze wie dem Beirat für flächensparendes Bauen oder dem Flächendialog gemacht, die wir gerne fortführen möchten.
HI HEUTE: Wenn Sie in die Zukunft der Metropolregion Rhein-Neckar blicken: Wie sieht eine resiliente Nahversorgung 2035 aus?
Petra Schelkmann: Niemand kann die Nahversorgung 2035 exakt vorhersagen. Klar ist aber: Sie wird vielfältiger, digitaler und stärker auf flexible Lösungen angewiesen sein. Wir arbeiten auf jeden Fall an den Vorarbeiten und blicken gespannt darauf, was die zukünftigen Landesentwicklungspläne und -programme in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz uns mit auf den Weg geben.
Handel ist Wandel. Baden-Württemberg hat in seinem Eckpunktepapier „Raum für morgen. Eckpunkte für den neuen Landesentwicklungsplan Baden-Württemberg“ auf diesen Slogan Bezug genommen, und dies trifft die Herausforderungen ganz gut. Wir hoffen und sind zuversichtlich, dass bis 2035 tragfähige Lösungen für eine flächendeckende, wohnortnahe Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs erprobt und im besten Fall bereits umgesetzt sind. Zugleich sollen unsere zentralen Orte weiterhin die bevorzugten Standorte des großflächigen Einzelhandels bleiben und ihrer Versorgungsfunktion gerecht werden. Sich abzeichnende Ausnahmeregelungen zur Sicherung der flächendeckenden Nahversorgung im ländlichen Raum – etwa in begründeten Fällen durch Abweichungen vom Zentralitätsgebot – betrachten wir mit Aufmerksamkeit. Entscheidend ist, dass solche Ausnahmen gut begründet bleiben und nicht zur Regel werden. Wenn sie dazu beitragen, Versorgungslücken im ländlichen Raum gezielt zu schließen, können sie ein sinnvoller Baustein sein, den wir über den Regionalplan und ergänzende Ansätze fachlich begleiten und umsetzen müssen.
HI HEUTE: Welche Risiken sehen Sie, wenn Nahversorgung weiter ausdünnt – für Demokratie, Teilhabe und regionale Identität?
Petra Schelkmann: Wenn Nahversorgung ausdünnt, verlieren Orte an Funktion und damit auch an Bindungskraft. Menschen müssen weitere Wege zurücklegen, sind stärker auf das Auto angewiesen oder auf Unterstützung durch Andere. Das trifft besonders diejenigen, die ohnehin weniger mobil sind. Gleichzeitig sinkt die Aufenthaltsqualität in Ortskernen, weil Frequenz, Begegnung und Alltagsleben fehlen. Für die regionale Identität ist das ein echtes Risiko: Eine Region lebt nicht nur von starken Zentren, sondern auch von lebendigen Gemeinden und verlässlichen Strukturen in der Fläche.
HI HEUTE: Was wünschen Sie sich von Politik und Handel, um die Planungsideen des Verbandes in gelebte Praxis zu überführen?
Petra Schelkmann: Ich wünsche mir vor allem ein gemeinsames Verständnis, dass gute Nahversorgung kein Zufallsprodukt ist. Politik, Planung und Handel müssen früher miteinander ins Gespräch kommen – nicht erst, wenn Standorte bereits feststehen. Der Handel braucht wirtschaftlich tragfähige Konzepte, aber die öffentliche Seite muss deutlich machen, welche Standorte für Ortsentwicklung, Erreichbarkeit und Zusammenhalt sinnvoll sind. Dafür braucht es Mut zu Kooperation, zu neuen Formaten und auch zu kleineren, angepassten Lösungen. Entscheidend ist, dass wir Nahversorgung nicht nur als Marktfrage behandeln, sondern als gemeinsame Gestaltungsaufgabe.
HI HEUTE: Und ganz persönlich: Was bedeutet für Sie „Teilhabe“ – jenseits der Planungstabellen?
Petra Schelkmann/Ralph Schlusche: Teilhabe bedeutet für uns, dass Menschen nicht nur versorgt werden, sondern wirklich dazugehören. Es geht darum, den eigenen Alltag selbstständig gestalten zu können, Menschen zu begegnen und Teil des öffentlichen Lebens zu bleiben. Das beginnt oft im Kleinen: beim Weg zum Bäcker, beim Einkauf im Ort, beim Gespräch vor dem Laden. Solche Situationen wirken unscheinbar, aber sie geben Orten Halt und Menschen das Gefühl, gesehen zu werden. Deshalb ist Teilhabe kein abstrakter Begriff, sondern eine sehr konkrete Frage von Nähe, Erreichbarkeit und Begegnung.
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