17. Zukunftskongress im Schloss Wolfsburg: Super-Computer, Künstliche Intelligenz und medizinische Riesenfortschritte werden schon in zehn Jahren die Welt aus den Angeln heben

Veranstalter und Sponsoren des 17. Zukunftskongresses, der kürzlich im Schloss Wolfsburg stattfand. Foto: HIH
Zukunftskongress-Veranstalter und Forscher Gabor Janszky. Foto: HIH
Setzt auf die transhumane Forschung: Zoltan Istvan. Foto: HIH
Verhalf der Künstlichen Intelligenz in die Politik: Matsuda Michihito. Foto: HIH
Seine Firma will die Sehkraft des Menschen erheblich verbessern: Rick Ifland. Foto: HIH
Revolutioniert das Parkwesen: Julian Glaab. Foto: HIH

Können wir Menschen 1000 Jahre alt werden? Werden wir schon in absehbarer Zeit im Weltall Besuche machen oder gar auf anderen Planeten leben? Wird es in 30 bis 50 Jahren vielleicht gar keine menschlichen Politiker mehr geben? Beim 17. Zukunftskongress des Veranstalters 2beAHEAD im Schloss Wolfsburg, bei dem auch die Redaktion von HI HEUTE zu Gast war, wurden diese drei Fragen von dort anwesenden Experten allesamt mit JA beantwortet. Und auch zur „Vision Handel“ gab es ein interessantes Statement. Quintessenz: Unmöglich ist quasi nichts! Hier einige der Highlights.

 

Autonomes Fahren

Beim Kongress präsentierte sich die Berliner Firma Kopernikus Automotive. Sie hat ein Nachrüstprodukt entwickelt, das in viele moderne Serienfahrzeuge eingebaut werden kann und eine selbstfahrende Software zur Steuerung des Fahrzeugs ermöglicht. Das Kit besteht aus Hardware (Computer und Sensoren) und der notwendigen Betriebssoftware. Softwareentwickler können auf dieser Plattform selbstfahrende Software entwickeln. Die erste Version des Kopernikus Nachrüstsatzes ist für Volkswagen MQB Fahrzeuge, auch bekannt als VW Golf, Tiguan, Passat, T-Roc, und viele Audi, Skoda und Seat Fahrzeuge konzipiert. Tim von Törne, Mitgründer von Kopernikus präsentierte den Gästen des Kongresses den weltweit ersten autonom fahrenden VW Golf und kündigte die baldige Marktreife des Selbstfahr-Kits zum Nachrüsten an. Das System wird bereits Ende 2018 verfügbar sein. „In zehn Jahren muss man definitiv nicht mehr selbst lenken, um mit dem Auto von A nach B zu kommen. Und auf manchen Strecken wird dann vielleicht bereits das menschliche Fahren verboten sein, da es als zu gefährlich angesehen wird.“

Eine Welt ohne menschliche Politiker

Kurz vor den Bürgermeisterwahlen in der japanischen Stadt Tama in der Präfektur Tokio hatte sich ein ungewöhnlicher Außenseiterkandidat angemeldet: Matsuda Michihito warb damit, als Bürgermeister eine künstliche Intelligenz (KI) die Entscheidungen treffen lassen zu wollen. Entsprechend ist auf den Wahlplakaten keine menschliche Person zu sehen, sondern eine Art Roboter. Der Kandidat Matsuda selbst ist allerdings real, 44 Jahre alt und arbeitet für ein großes IT-Unternehmen. Er sagte auf dem Kongress: „Mit Hilfe der KI sollen Entscheidungen fairer und effizienter werden. So soll die künstliche Intelligenz beispielsweise Budgetberechnungen durchführen können, ohne eigene Interessen in die Entscheidung einfließen zu lassen. So soll Betrug verhindert werden.“ Als Beispiel führt Matsuda an, dass menschliche Entscheidungsträger immer etwas mehr Budget veranschlagten, da sie fehlerhafte Berechnungen antizipieren. Sollte am Ende doch noch Geld übrig bleiben, würde dieses für sinnlose Projekte verwendet, um im Folgejahr kein kleineres Budget zu bekommen. Mit einer korrekten Berechnung durch eine KI soll dieser Überschuss verhindert werden. P.S.: Bei der Bürgermeisterwahl erhielt Matsuda die drittmeisten Stimmen. 

Die Super-Linse

Brillen sehen blöd aus, stören am Kopf und schrecken Mitmenschen ab. Der Formfaktor und das Aussehen sind der mit Abstand gewichtigste Grund, weshalb sich AR- und VR-Hardware so schwer tut am Markt. Gut möglich, dass für den großen Durchbruch der Technologien erst die Sci-Fi-Linse erfunden werden muss. Das Unternehmen Omega Ophthalmics setzt darauf. Linsenimplantate sind kein Zukunftsthema mehr, sondern längst medizinischer Alltag. Sie werden beispielsweise häufig eingesetzt, um Grauen Star zu heilen. Der futuristische Anteil an Omega Ophthalmics Idee ist das Businessmodell der hauseigenen Linse. „Wir kreieren einen biologisch inaktiven Teil im Auge, der offen ist für das Business von jedermann, der gerne ein passendes Implantat verkaufen will”, sagt Mitgründer Rick Ifland. In einer ersten Feldstudie hat das Unternehmen sieben Patienten die Platzhalterlinsen implantiert. Die Patienten sind seit rund sechs Monaten beschwerdefrei. Eine größere Untersuchung soll bald starten. Abhängig von den Resultaten könnte die Linse in den nächsten zwölf bis 24 Monaten in den USA und in Europa zugelassen werden. Ifland geht davon aus, dass ausnahmsweise nicht die junge Generation zu den frühen Käufern der AR-Linse gehört. Stattdessen sind es meist Senioren und ältere Menschen, die am Auge operiert werden und im Zuge dessen die ersten AR-Funktionen natürlich ins Sichtfeld integriert bekommen könnten. Für die Zielgruppe könnte beispielsweise die Einblendung von Kartenmaterial zur Orientierung oder ein Alarm für die rechtzeitige Einnahme von Medizin dienlich sein.

Von Berlin auf den Mond

Auch im All werden sich neue Perspektiven und Geschäftsfelder ergeben. Torsten Kriening, CCO bei PTScientists, arbeitet mit dem Team seines kleinen Berliner Unternehmens an einer Infrastruktur und Transportlogistik für Reisen zum Mond. Aus ihrem Hobbyprojekt, zum Mond zu fliegen, ist inzwischen eine millionenschwere Mission geworden. Kriening auf dem Kongress: „Wir werden alle 18 bis 24 Monate auf den Mond fliegen und eine Infrastruktur bereitstellen. Somit ermöglichen wir Wissenschaft für alle. Ich bin davon überzeugt, dass der Mond das Sprungbrett ins All ist.“ Die Berliner haben sich vorgenommen, Geschichte zu schreiben: 2008 gegründet, um bei Googles Lunar X-Prize mitzumachen, planen die PTScientists nun die erste privat finanzierte Mondmission überhaupt – schon 2019 soll das von ihnen entwickelte Landemodul am Südpol des Erdtrabanten aufsetzen. Ganz in der Nähe der Stelle, die 1972 Ziel von Apollo 17 war, der bisher letzten Mondmission der NASA. Zugleich jährt sich 2019 zum 50. Mal der „große Schritt für die Menschheit“, den Neil Armstrong beschrieb, als er am 21. Juli 1969 als erster Mensch einen Fuß auf den Mond setzte. „Das ist ziemlich cool“, sprudelt es aus Kriening heraus. „Das heißt, wir kehren zum allerersten Mal zu einer Apollo-Landestelle zurück, genau rechtzeitig zum großen Jubiläum der Mondlandung.“

Mit Elekroantrieb ins All

Nicola Zaccheo, CEO des italienischen Konzerns Sitael, nahm beim Zukunftskongress den „Innovation Award 2018“ für die Entwicklung einer Grundlagentechnologie für Ionenantrieb entgegen. Dank seiner Erfindung wird der erste vollelektrische Mikrosatellit Anfang nächsten Jahres ins All gehen. Er wurde in Zusammenarbeit mit der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und der Italienischen Weltraumorganisation (ASI) entwickelt. Damit wird der Weg ins Weltall deutlich schneller und bietet völlig neue Möglichkeiten. Ein Quantensprung in dieser Art von Technologie!

Parkplatzsuche ist Geschichte!

Das Start-up-Unternehmen Aipark beschäftigt sich mit der Vereinfachung der Parkplatzsucher, erfasst dabei Millionen Parkplätze digital und bezieht aktuelle Verkehrsdaten, Öffnungszeiten von Parkhäusern und weitere Echtzeit-Informationen mit ein. Geschäftsführer Julian Glaab: „Eine künstliche Intelligenz leitet daraus dann Empfehlungen für den nächstgelegenen freien Parkplatz ab. Nach Angaben des Unternehmens ist die Suche nach einem Parkplatz für bis zu 30 Prozent des Verkehrsaufkommens verantwortlich.“ Das Unternehmen hat schon zahlreiche Innovationspreise gewonnen und schickt sich an, den Markt im großen Stil zu revolutionieren.

Altern ist eine heilbare Krankheit

Kongressveranstalter und Zukunftsforscher Gábor Jánszky berichtet von einem Bioinformatiker der das Altern nicht für einen natürlichen Prozess, sondern für eine Krankheit hält, die heilbar ist. Die Basis für eine Therapie sei bereits gelegt: Im Labor und im Tierversuch hat sich die lebensverlängernde Wirkung junger Zellen auf alte Organismen bereits bewährt. Diese verjüngenden Reparaturen sollen in naher Zukunft auch bei Menschen erfolgreich sein und sie 1000 Jahre leben lassen. Der Bioinformatiker sieht die Zukunft der Medizin in Stammzell- und Gentherapie. Er sei überzeugt davon, dass die ersten Menschen bereits geboren sind, die mithilfe solcher Therapien 1000 Jahre leben können.

Menschen selbst Teil von Maschinen

Zoltan Istvan, ehemaliger National Geographic Journalist, Gründer der amerikanischen Transhumanist Party, Autor des Romans „The transhumanist wager“ und potenzieller US-Präsidentschaftskandidat, sagte auf dem Kongress, dass die Menschen durch Implantate Teil der Maschinen werden müssen, um nicht von der Künstlichen Intelligenz überrannt zu werden. In einem Bühneninterview mit Kongressveranstalter Gábor Jánszky gibt er ein deutliches Statement ab: „In Kalifornien arbeiten bereits mehrere Firmen an diesen Gehirnimplantanten und investieren eine Menge Geld. Ich gehe davon aus, dass es hier in den nächsten fünf bis zehn Jahren nennenswerte Erfolge geben wird. Das könnte dann das Ende des menschlichen Geistes, der nicht verbunden ist, sein. Wenn Sie sich einmal mit dem Internet verbunden haben, warum sollten Sie dann jemals zurückgehen? Die Vorteile sind einfach viel zu groß. Ansonsten wäre es doch so, als würde man den Brennmotor gegen Pferde einsetzen. Nein, es gibt wirklich keinen Grund, dazu jemals wieder ein Pferd zu benutzen."

Geschlechtsorgane nicht mehr so wichtig

Nathan Treff, Vorstandsmitglied beim amerikanischen Konzern Genomic Prediction, glaubt, dass der Mensch im Jahr 2028 im Bereich der menschlichen Fortpflanzung weitreichende Freiheit und Einfluss haben wird. Er sagte auf dem Kongress: "In der Zukunft braucht man keine Geschlechtsorgane mehr. Eine Hautzelle reicht und man kann daraus Spermien und Eizellen generieren."

Emotional bewanderte Computer

Emotionen gelten als besonders privat. Nicht umsonst versuchen wir einen guten Teil davon vor anderen zu verbergen, zu steuern oder sie für etwas anderes auszugeben als sie tatsächlich sind. Auf dem Zukunftskongress erfuhren die Teilnehmer, dass künstliche Systeme wie etwa Computer oder Smartphones schon sehr bald in der Lage sein werden, unsere Gefühle zu erkennen und (adäquat) darauf zu reagieren. Maschinen sollen dann sogar mehr „sehen“ können als mancher Gesprächspartner.

Stationärer Handel wird sich clustern

Der stationäre Einzelhandel wird auch in den nächsten Jahrzehnten existieren und seine Berechtigung haben, erzählt Gábor Jánszky auf Anfrage unseres Magazins. „Die Fußgängerzonen und Center werden sich natürlich verändern, aber gar nicht einmal so stark im Erscheinungsbild, sondern vor allem inhaltlich. Es wird nach meiner Einschätzung zu thematischen Zusammenschlüssen kommen. Schwerpunkte wie Mode, Sport und Unterhaltung werden in einigen Jahren geschäftlich, gastronomisch und entertainmäßig räumlich verknüpfte Einheiten bilden.

 

Virtuelle Massen-Pop-Konzerte

Für eine absolute Innovation im Entertainment sorgte Michael Lin, ebenfalls Kongress-Referent im Schloss Wolfsburg. Er ist ein renommierter und preisgekrönter Popmusikproduzent, der seit zwei Jahrzehnten für viele der führenden chinesischen Pop-Superstars schreibt und produziert. Derzeit ist er auch einer der Bosse von TH STARS, das virtuelle Musiktechnologieprodukte produziert. Dazu gehört auch die erste chinesische virtuelle Sängerin Luo Tianyi. Mithilfe der neuesten 3D-Modellprojektion und AR/VR-Technologien kombiniert mit digitaler Musiktechnologie versucht das Unternehmen, die Lücke zwischen traditioneller und zukünftiger Popmusikkultur zu schließen. Man stelle sich vor: ausverkaufte Stadien bei einem Konzert mit einem virtuellen Pop-Star auf der Bühne – und das ist in China bereits der Fall!

Erstellt von Thorsten Müller