Schuhkette stellte Insolvenzantrag - Einzelhandelsexperte Klaus Striebich nimmt dazu exklusiv für HI HEUTE Stellung

Die Schuhhauskette Görtz musste Insolvenzantrag stellen.
Klaus Striebich. Foto: RaRE Advise

Der Hamburger Schuhhandelskonzern Ludwig Görtz GmbH ist angesichts der widrigen Marktbedingungen in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Am Dienstag musste das Unternehmen, das nach eigenen Angaben rund 160 Filialen in Deutschland und Österreich betreibt, daher ein sogenanntes Schutzschirmverfahren für die Dachgesellschaft sowie Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung für die beiden operativen Töchter Görtz Retail GmbH und Görtz Logistik GmbH beantragen. Das Amtsgericht Hamburg hat dem Ansinnen bereits stattgegeben. Klaus Striebich (RaRE Advise), erfahrener Einzelhandelsexperte und langähriger Leasing-Chef der ECE, gab HI HEUTE dazu seine exklusive Einschätzung.

 

Wieder musste eine Top-Marke des Einzelhandels - über Jahrzehnte bekannt und anerkannt - Insolvenz (in Eigenverwaltung) anmelden. Das ist eine in weitere negative Nachricht in diesen Tagen. Die Gefühlslagen dürften sich bei allen Beteiligten zwischen Weltuntergang und Chance für einen Neuanfang bewegen. Eines vorweg: Mir sind die Details und Hintergründe nicht bekannt, dennoch möchte ich Ihnen dau aus meiner persönlichen Sicht –(auch wenn ich weder Insolvenzrechtler noch ausgeprägter Sanierungsexperte bin) eine Einschäzuung ge

Diese Entscheidung ist ein massiver Einschnitt in den Geschäftsbetrieb und das bestehende Beziehungsgeflecht zu allen Stakeholdern und erfordert großen Mut, denn es kommt eine sintflutartige Welle an Aufgaben und eine erhöhte Verantwortung auf die Geschäftsführer und Beteiligten zu.

Wichtig an dieser Stelle zu erwähnen ist: Das Insolvenzgesetz wurde als Instrument geschaffen, um Unternehmen (und vor allem deren Arbeitsplätze) zu erhalten, die ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell haben, aber durch interne wie externe Umstände in eine drohende Vermögenslosigkeit oder Illiquidität geraten können (wichtig der Konjunktiv, denn die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt ist wesentlich).

Grundsätzlich ist die Insolvenz des Hauses Görtz ein Zeichen, wie fragil die gesamte Einzelhandelsbranche derzeit dasteht, wobei Umstände, Hintergründe und Situation für jedes Unternehmen natürlich unterschiedlich sind.

Überrascht die Insolvenz bei Görtz? Eigentlich nicht! Der Handel kommt aus nun zweieinhalb Jahren „Corona-Krise“ mit massiven Umsatz- und Ertragsausfällen, die auch durch die teils guten Staatshilfen nicht ausgeglichen werden konnten. Die erwartete Rückkehr der Frequenzen in den Standortlagen ist immer noch weiter hinter den Erwartungen zurück, das erhoffte „Vor-Corona-Niveau 2019“ in noch ordentlicher Ferne.

Es waren Investitionen in die Digitalisierung, Logistik und auch Arbeitsplätze und Standorte notwendig, die die Bilanz zunächst belasteten, alles in der Hoffnung, dass sich Umsätze und Erträge einstellen (so ist das Prinzip des Handels). Dazu haben die Kunden ihr Einkaufsverhalten und ihre Bedarfsmengen in dieser Zeit geändert, was es dem Handel wirklich nicht einfach macht, die richtigen Mengen, Artikel und Preislagen im Verkauf vorrätig zu halten und anzubieten. Wenn dann noch Lieferketten nicht funktionieren, d.h. es fehlt die richtige Ware im Regal, fehlen eben diese notwendigen Umsatzpotenziale zusätzlich.

Derzeit vervielfachen sich die Energiekosten. Neben der Stromrechnung wirkt sich das auch auf die laufenden Nebenkosten der Räume aus, aber auch durch die deutlich gestiegene Inflation auf die Wertsicherung der Mieten.

Ein vereinfachtes Zahlenbeispiel zur Erläuterung: Die Profitspanne eines „Einzelhändlers unter normalen Umständen“ liegt bei angenommenen 3-5% vom Umsatz, bei einer Handelsspanne von 50%. Die Nebenkosten ca. 2%,  die Miete im Durchschnitt bei 12-15%.

Aktuell „verdoppeln“ sich die Nebenkosten, die Miete erhöht sich durch die Wertsicherungsklauseln um 10%, ebenso die Wareneinstandspreise (die aufgrund des Wettbewerbsdruckes eben nicht 1:1 weitergegeben werden können). Die Ergebnisrechnung sieht nun eine Handelsspanne von 45% (von bislang 50%), die Nebenkosten betragen 4%, die Miete nun ca. 16% vor. Ceteris paribus (unter sonst gleichen Annahmen) beträgt das Betriebsergebnis nun -3,5%       

Wie lange eine solche Verlustsituation auszuhalten ist, hängt von der vorhandenen Substanz und weiteren Optimierungsideen ab. Es stellt sich aber die Frage nach einer Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zuerst. Kann man sich mit Hilfe der Instrumente einer Insolvenz von langfristigen Verpflichtungen, die das Ergebnis, z.B. durch Rückstellungen belasten, trennen (wozu z.B. Mietverträge verlustbringender Filialen gehören, Pensionsrückstellungen oder sonstge Lieferverträge)?

Hilft der Ausgleich der Bundesagentur für Arbeit mit dem drei-monatigen Übergangsgeld entsprechende Liquidität zuzuführen, um möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten (denn nur mit einem guten Mitarbeiterstamm lassen sich auch in Zukunft weitere Umsätze generieren), und findet man im Rahmen weiterer Verhandlungen neue Kapitalgeber oder Gesellschafter das Unternehmen langfristig und betriebswirtschaftlich gesund fortzuführen?

Dies benötigt Zeit, viel Engagement und natürlich auch die Bereitschaft der Gläubiger und Stakeholder, Einschnitte zu akzeptieren. Die Alternative ist die Liquidation eines Unternehmens – damit wäre jedoch niemandem geholfen. Die Situation im Handel ist sehr angespannt und es sind enorme Anstrengungen notwendig. Die aktuellen exogenen „Preisschocks“ waren nicht vorhersehbar und belasten zusätzlich extrem.

 

Sofern es aber eine Perspektive gibt – und daran sollten wir glauben - ist eine solche Insolvenz auch eine Chance auf einen Neuanfang. Den sehe ich absolut im Hause „Görtz“ und glaube an das Unternehmen und deren Kraft, aus ihrer eigenen Krise gestärkt und positiv in eine neue Zukunft zu starten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erstellt von Klaus Striebich (RaRE Advise)