In Berlin-Kreuzberg sagen Anwohner der Ladenverdrängung den Kampf an. Was machen die Investoren falsch? Und ist der Multi-Kulti-Kiez noch zu retten?

„Wir sind das Antiverdrängungsmodell! Bei uns wächst das Kleingewerbe, statt zu verschwinden“, sagt Nikolaus Driessen, Mitgründer der Markthalle Neun. Foto: Markthalle

Charles Skinner ist Brite, Investor und derzeit in Berlin-Kreuzberg eher unbeliebt. Erst wandelte er seine Mietwohnungen an der Gloger Straße zu Feriendomizilen. Anschließend quartierte er das Schickimicki-Restaurant Vertikal ein. Schließlich kündigte er dem sechzehnjährigen Veedel-Bäcker Filou. Schritt für Schritt geht der Investor vor – und ist nicht der einzige: Bereits 50 Meter weiter entstand schon ein tolles Kuchenkaffee mit gediegenen Preisen.

 

Aber Skinner als profitgierigen Investor abzustempeln, greift zu kurz. Selbst Magnus Hengge von der Kreuzberger Nachbarschaftsinitiative Bizim-Kiez („Unser Kiez“), gesteht ihm Ortsverbundenheit zu. London gab er zugunsten seines Kreuzberger Penthauses auf. ’Mehr Rausholen’ heißt für Skinner, mit der Rendite den Chic der schäbigen Ecke zu steigern. Darum soll der schnöde Bäcker einem stylischen weichen. Natürlich auch, weil der Brite hofft, die derzeit 1085,- € Miete der 76 Verkaufsquadratmeter zu vervierfachen. Mieten über die ein führender Architekturtheoretiker kürzlich scherzte: „Wollen Nahversorger weiterhin verdienen, müssen sie beginnen Koks zu verkaufen.“

Protest gegen Ladenverdrängung

Mit handfestem Protest gegen sein Aufwertungsbestreben hatte Skinner wohl kaum gerechnet. Rund 2000 Anwohner forderten auf einer Demo, das Café Filou und den Haushaltswarenladen Bantelmann, dem nach 36 Jahren der Rausschmiss droht, zu erhalten. Einige Tage später ’entglasten’ Linksautonome die Schaufenster des Restaurants Vertikal. Eine Gewalttat, die die Anwohnerinitiative aufs Schärfste verurteilt. Zwar hat es in Kreuzberg Tradition, Gentrifizierung auszubremsen - aber gewaltfrei. So manchen Sieg trugen sie in 45 Jahren Auflehnung schon davon. Da wurden Kündigungen zurückgezogen, Räumungen aufgeschoben, bis ein neues Lokal gefunden war oder Wohnprivatisierung abgewendet, weil man Milieuschutz geltend machte.

Denn Schönheit schert die Ur-Kreuzberger wenig, die Menschlichkeit zählt. Durch Protest solidarisiert man sich mit Nachbarn, für die der Rausschmiss das soziale und finanzielle Aus bedeutet. „Die Menschen und das soziale Gefüge tragen Kreuzberg“, beschreibt Hengge „seinen Kiez“ und denkt dabei an Alternativkultur wie Suppenküchen, Tauschringe oder Groß-WGs, die Mittellose mitfinanzieren. Diese bunte Gemeinschaft will man vor der Invasion der Besserverdiener schützen - Raum für Arme, Alte, Ausländer und Kleingewerbler vorzuhalten, gehört zur Lebensphilosophie.

„Mehr Geld verdrängt weniger“

Allerdings ist das ein Kampf gegen ehernere Gesetze der Stadtentwicklung. „Mehr Geld verdrängt weniger“, pointiert Handelsberater Christoph Meyer von CM Best Retail Properties die simple Logik. In angesagten Kiezen ist es längt kein Einzelschicksal mehr, dass urige Krämer und Kneipen angestammte Lokale verlassen müssen. Ersetzt werden sie meist durch stylische Restaurants, Foodkonzepte oder Clubs. „Kreuzberg ist eine Kiezlage. Filialisten wie H&M und Zara würden da nie hinziehen“, grenzt der einstige BNP Paribas Manager den Kiez von Stadtteillagen wie der Schloßstraße ab. Dort breiten sich 08/15-Ketten aus, hier Einzelhändler, die statt einfacher Kost nun hochpreisige anbieten. Nimmt die Gentrifizierung weiter Fahrt auf, verdrängen Filialisten die Szeneläden. Beste Beispiele dafür sind die Hackeschen Höfen und das Kreuz Köln.

„Berlin erfreut sich bei Privatinvestoren wachsender Beliebtheit“, identifiziert Meyer die Treiber des Wandels. Die können Anwalt in Tel Aviv, Reeder in Athen oder Zahnarzt in Kassel sein. Allen gemein ist wenig Gefühl für die Kiezkultur, weil sie außerhalb leben. Die meisten sind keine Anlageprofis. Aus Veröffentlichungen großer Maklerhäuser erfahren sie von Berliner Spitzenmieten. Verglichen mit ihren, sehen sie massig Luft nach oben. „Wohnmieter sind durch unbefristete Verträge und den Mietpreisspiegel geschützt, die im Gewerbe sind mit Vertragsende dem freien Markt ausgesetzt“, folgert er, warum Ladenbetreiber die Sanierungs- und Veräußerungsbestreben besonders hart treffen. „Kreuzberg ist eng, es gibt kaum Grün und viele dunkle Häuser. Der Kiez lebt von seinen witzigen Läden im Erdgeschoß! Das muss man Investoren klarmachen. Sie sägen am Ast, auf dem sie sitzen“, gibt Meyer zu bedenken, der die Problematik als Leiter des IHK Arbeitskreis Stadtentwicklung und Kreativwirtschaft bestens kennt.

Ladenangebot folgt Anwohnerstruktur

„Ändert sich die Anwohnerstruktur, kommen mit einer gewissen Zeitverzögerung auch andere Läden“, beobachtet Stephan Grupe, Einzelhandelsmakler in Berlin. Häuser werden saniert, Mieten steigen und mit ihnen hält eine lebensstilorientiertere Klientel Einzug. Irgendwann spiegelt sich dieser Wandel auch im Ladenbesatz wider. Was nicht heißt, dass es den anatolischen Gemüsehändler nicht mehr gibt. Aber vielleicht gibt es nur noch zwei statt zehn. Dass Vermieter just die Gewerbemieten rasant erhöhen, hat auch pragmatische Gründe. „Die Hauptmiete kommt aus dem Erdgeschoß“, sagt Grupe. Eine gewerbliche Mietpreisbremse wäre so ziemlich das Schlimmste, was die Politik verordnen könne.

Aber ganz gleich warum, sie steigen – hohe Mieten bedrohen Berlins wichtigstes Asset: Das Hippe und Bunte. Meist geschaffen von Menschen, die reicher an Ideen als an Materiellem sind. Sie machen den Kiez erst lebenswert, bestätigt Grupe: „Die Mischung macht’s – auch um Shopping-Centern und dem Internethandel gegenzuhalten.“

„Ohne Gegensteuerung verkommt die Stadt zum Oligarchenwohnen, das alle Menschen ohne Geld verdrängt“, warnt Andreas Krüger, Mitglied im Lenkungskreis der bürgerschaftlichen Initiative „Stadt Neudenken“. Die breitangelegte Interessengemeinschaft ersinnt Wege, um zumindest auf städtischem Grund interessenausgleichende Spielräume und Qualitätsoffensiven zu sichern. Krügers eigener Weg als Entwickler begann vor knapp zehn Jahren am Moritzplatz. Den verwandelte er vom Unort zum Publikumsmagneten dank Ansiedlungen von Planet Modulor, Aufbau Verlag, BetaHaus oder den Prinzessinnengarten. Noch heute schwärmt er von der guten Zusammenarbeit zwischen Bezirk, Senat, Anwohnern und den Investoren. „Die Wirtschaftlichkeit muss stimmen. Das schließt eine lebendige Kultur nicht aus – verlangt aber die Fähigkeit zum Interessenausgleich.“ Letzteres, beobachtet er, fehlt oft bei Einzelinvestitionen.

Ein ’Kümmerer’ für jeden Stadtteil

„Eigentlich entscheidet der Human Factor. Aber wer bringt streitende Bäcker und Hausbesitzer wieder ins Gespräch?“, fragt Krüger und trifft damit auch im Falle Skinner den Nagel auf den Kopf. Bis auf gelegentliche Vorwurfsalven als Reaktion auf den Protest verstummte mit der Kündigung die Kommunikation. Letztlich ist es wohl auch Skinners „Gutsherrenart“, die die Gemüter der Filou-Sympathisanten erregt. Aber wer kann hier schlichten? „Politik und Bürgerinitiativen taugten nicht zur Schiedsstelle, die sind nicht neutral. Es braucht ’Kümmerer’, die jeder Stadtteil vorhalten sollte“, schlägt Krüger vor. In Kreuzberg wäre das einer wie Christoph Albrecht, Begleiter der Interessengemeinschaft der Anwohner zur Entwicklung der Markthalle Neun. Seit Jahren wirkt er ohne Eigennutzen. Er beobachtet, wie Gesellschaft funktioniert, deshalb gelingt es ihm, Widerstreitendes zu versöhnen. Vielleicht ist die Markthalle Neun auch deshalb so erfolgreich.

Wirksames Antiverdrängungsmodell

„Wir sind das Antiverdrängungsmodell! Bei uns wächst das Kleingewerbe, statt zu verschwinden“, stellt Nikolaus Driessen, Mitgründer der Markthalle Neun, fest. „Überall in der Bundesrepublik geht die Zahl der Metzger, Bäcker und Käsereien zurück, in Berlin steigt die Zahl der Lebensmittelhandwerker wieder! Allein bei uns waren es 19 Direktgründungen in fünf Jahren“, freut er sich. Das Erfolgsgeheimnis liegt in der Bündelung moderner Nahrungskompetenz. Sie deckt von bodenständig bis exotisch alles ab. Das zieht Kundschaft weit über Kreuzberg hinaus an und macht Mieten für Hersteller wie Verkäufer bezahlbar.

 

„Dass Kiezläden sterben, ist nicht nur die Schuld der Investoren. Jeder im Viertel beklagt ihr Verschwinden, gibt aber das meiste Geld im Supermarkt aus“, reflektiert Driessen kritisch. Sie seien das Gegenmodell. „Seit Jahren konzentrieren Großfilialisten den Handel. Kaum ein Einzelhändler kommt mehr gegen die Systemanbieter an. Unser Profil ist so attraktiv, dass es gelingt, den zentralisierten Handelsumsatz wieder auf viele kleine Betriebe umzuverteilen.“

Erstellt von Rahel Willhardt