Rückblick/Ausblick-Interview mit Marco Atzberger, Geschäftsführung EHI Retail Institute Köln

Marco Atzberger, Mitglied der Geschäftsführung des EHI Retail Institute, Köln. Foto: EHI

„Es gibt nach wie vor Unternehmen, die wachsen, aber die Zahl derer, die Ihr Filialnetz bereinigen, ist größer geworden,“ sagt Marco Atzberger, einer der Geschäftsführer es EHI Retail Institutes. Im Interview blickt er zurück und nach vorn. Als große Gewinner sieht er die Fachmarktcenter, die in nächster Zeit höchstens durch eine Abwanderung der Lebensmittler in den Onlinehandel gebremst werden könnten.

 

Welche wichtigsten Erkenntnisse ziehen Sie mit Blick auf den Deutschen Einzelhandel aus dem nun fast abgelaufenen Jahr?  Was hat Sie am meisten überrascht und in welchen Bereichen wurden Sie in Ihrer Einschätzung bestätigt?

Marco Atzberger: Wir haben im vergangenen Jahr gesehen, dass der Wettbewerb im Modehandel durchaus einigen etablierten Playern zu gesetzt hat und natürlich auch die selbstständigen Boutiquen leiden. Das hat gleichzeitig mit Überkapazitäten an Verkaufsflächen zu tun, wie auch mit operativer Exzellenz und dem Wetter. Immerhin lockten vielerorts  Sommerkollektionen schon mit Abschriften, da fing der warme Zeit erst an. In unserer Befragung der Expansionsleiter zeigt sich daher auch ein uneinheitliches Bild, es gibt nach wie vor Unternehmen, die wachsen, aber die Zahl derer, die Ihr Filialnetz bereinigen, ist größer geworden. Das ist aber aus meiner Sicht wesentlich bestimmt durch die individuelle Situation des Unternehmen und nicht zu verallgemeinern auf die ganze Branche. Grundsätzlich sind die Konsumenten ja bereit, Geld auszugeben – bei den Niedrigzinsen ist Sparen unattraktiv wie nie.  

Wie bewerten Sie aktuell die Entwicklung der einzelnen Handelsimmobilien-Formate? Wer hat gut lachen und wer muss sich Ihrer Meinung nach Sorgen machen?

Marco Atzberger: Das Fachmärkte stehen als Nahversorger hervorragend da und das spiegelt sich ja sich den Kaufpreisen auch ganz klar wieder. Ob diejenigen, die allerdings jetzt noch kaufen, nicht zu hoch einsteigen, wird man sehen.  Die klassischen Shopping Center wachsen in Ihrer Anzahl nur noch minimal. Wir zählen in 2016 nur drei neue Center. Da ist für Neueröffnungen zunächst die Luft raus, denn die taten sich ja auch in den letzten fünf Jahren oft schwer. Revitalisierungen sind aber ein ganz anderes Geschäft als die Neuentwicklung. Den Boom der Factory Outlets sehe ich kritisch – nicht alles was sich dort Outlet nennt, wird diesen Namen langfristig rechtfertigen können. Ganz genau sollte man sich auch anschauen, was Benko mit Karstadt und die Kanadier mit Kaufhof machen – das sind Operationen am offenen Herzen, die aber eine Chance bieten, die altehrwürdigen Warenhäuser wieder fit zu machen.

Welche Auswirkungen für den Deutschen Einzelhandel sehen Sie durch das internationale politische Geschehen? Flüchtlinge, BREXIT, die Lage in Syrien und der Türkei oder das neu besetzte Präsidentenamt in den USA seien hier als Beispiele genannt.  

Marco Atzberger: Deutschland scheint sich von all den politischen und wirtschaftlichen Krisen rund herum abgekoppelt zu haben. Das spiegelt sich auch in der Einschätzung der Konsumenten, die die Gesamtlage angespannt sehen, ihre eigene Situation aber gut. Das Wort „euphorisch“ fiel sogar im Sommer. Realistischerweise werden die Entwicklungen aber irgendwann dann doch wieder zusammenlaufen. Das kann natürlich mit der Zinswende geschehen, die durch Trumps Wahlsieg wahrscheinlicher geworden ist. Was in Bezug auf den Brexit oder den amerikanischen Präsidenten allerdings am meisten bremst, ist die Unsicherheit, wie es weitergeht. Angloamerikanische Ketten schieben ihren Markteintritt in Europa, Millioneninvestitionen in neue Center betreibt keiner, der nicht die Aussichten kennt.

Was passiert in der Beziehung zwischen Stadt und Handel? Lange Genehmigungsverfahren und offenbar nicht nachlassende Restriktionen bei Flächen und Sortimenten stehen im Gegensatz zum Wunsch, die Innenstädte durch neue Einzelhandelsansiedlungen zu stärken. Oder sehen Sie das anders?  

Marco Atzberger: Allgemein sind Rückgänge in der Frequenz zu beobachten. Das muss nicht schlimm sein, wenn dafür die Warenkörbe wachsen. Dennoch gilt nach wie vor, dass die Qualität des Standortes sich wesentlich über die Besucherzahlen abbildet. Städte haben große Chancen durch die Verbindung von Handel und die authentischen Qualitäten der Innenstadt echte Einkaufserlebnisse zu bieten, aber das geht nur in einem Miteinander. Wenn wir jetzt sehen, dass zum Beispiel Sonntagsöffnungen reduziert werden – wer glaubt denn, dass damit die Frequenz in der Kirche steigt? Letztlich verschiebt sich der Konsum am Wochenende in den Online-Handel. Über die 1A Lagen an Metropolen müssen wir uns da keine Sorgen machen, aber Klein- und Mittelstädte leiden. Spannend ist, wie sich aber das Thema Quartiersentwicklung mittlerweile etabliert, zuletzt in Mannheim. Kommunen begreifen die Chance mit dem Geld umsichtiger Investoren nicht nur Innenstadt – Center zu bauen, sondern aktive Stadtentwicklung zu betreiben. Diesen Projekten wünscht man Erfolg.

Welche digitalen Trends werden aus Ihrer Sicht den Einzelhandel in nächster Zeit am stärksten beeinflussen?

Marco Atzberger: Zum einen schauen alle auf amazon. Wann starten die mit Lebensmittel? Eine Frage, die seit zwei oder drei Jahren im Raum steht und immer steht der Markteinstieg „kurz“ bevor. Man sieht aber schon wie amazon experimentiert und Erfahrungen sammelt. Die großen Lebensmittelketten testen auch – aber es erscheint mir derzeit alles noch ein Aufwärmen vor dem eigentlichen Startschuss. Ich denke, dann erleben wir aber auch eher einen Marathon als einen Sprint – so sprunghaft ist das Einkaufsverhalten nicht. Eine Abwanderung des LEH in den Online-Markt wäre für mich übrigens eine der wenigen Gefahren für die langfristigen Erfolg des Fachmarktcenter.

 

Zum anderen Verknüpfen sich Online und Stationär zum Omnichannel-Handel. Wir erleben das gerade in der Vorbereitung der EUROSHOP-Messe Anfang März in Düsseldorf. Rekordausstellerzahlen machen deutlich, dass die Branche heute in die Lösungen von Ladenbau und IT investiert, die den Handel fit machen für ein integriertes Einkaufen – und das gilt sowohl für die traditionellen Händler als auch jene, die einmal als Pure-Player starteten. 

Erstellt von tmü