HI HEUTE-Exklusivinterview mit Richard Gerritsen, Europa-Chef des Softwareentwicklers Yardi

Yardi-Europachef Richard Gerritsen (links) mit HI HEUTE-Chefredakteur Thorsten Müller am Yardi-Messestand auf der EXPO REAL in München. Foto: HI HEUTE

Auf der EXPO REAL sprach HI HEUTE-Chefredakteur Thorsten Müller mit Richard Gerritsen, dem Europa-Chef des amerikanischen Softwareherstellers Yardi, der unter anderem mit zahlreichen Unternehmen in der Handelsimmobilienbranche seit Jahren eng zuammenarbeitet, an dessen Messestand über neueste Trends und hausinterne Entwicklungen sowie über die Auswirkungen der jüngsten weltweiten Ereignisse.

 

HI HEUTE: Allein in den letzten paar Jahren gab es in der Welt große Ereignisse. Was hat sich Ihrer Meinung nach in dieser Zeit in der Immobilienbranche verändert?

Richard Gerritsen: Die wichtigste Veränderung, die wir festgestellt haben, ist die Abkehr der Eigentümer und Verwalter von langfristigen Verträgen - die letzten Jahre haben gezeigt, dass man die Zukunft nicht vorhersagen kann. Ja, man kann sich vorbereiten und eine Strategie entwickeln, aber die Kunden wollen sich nicht mehr auf einen langfristigen Vertrag festlegen - sie wollen Flexibilität.

Jetzt erleben wir die Entwicklung von Immobilien und sprechen über das „Gebäude der Zukunft“ - wie wird das aussehen? In der Vergangenheit bestanden die traditionellen Immobilien aus Gewerbe-, Wohn-, Industrieimmobilien usw., doch heute können Gebäude verschiedene Arten von Interessenten, Mietern, Vereinbarungen und Mietverträgen umfassen. Ein Gebäude, in dem es gemeinsam genutzte Räume mit Büro-, Coworking-, Wohn- und Einzelhandelsflächen gibt.

Die Technologie entwickelt sich ständig weiter. Wir nutzen intelligente Geräte in unseren eigenen vier Wänden, um Musik zu hören, das Wetter abzufragen, die Heizung zu regulieren oder die Beleuchtung zu steuern - aber in der Immobilienbranche zögern wir oft, uns anzupassen und die Technologie zu nutzen.

Es kann entmutigend sein, sein Betriebsmodell anzupassen oder zu überarbeiten, um Daten besser nutzen zu können, da die Zukunft der Immobilienbranche aber digital ist, brauchen Sie eine flexible Umgebung, die leicht skalierbar ist. Plattformlösungen werden kontinuierlich weiterentwickelt, um den Anforderungen des Marktes gerecht zu werden, was für die Erleichterung des Wachstums und der Kommunikation zwischen Asset-Eigentümern und Investoren von entscheidender Bedeutung ist.

HI HEUTE:  Wie hat sich die Immobilienbranche und insbesondere die Unternehmen, die auf den Einzelhandel ausgerichtet sind, in Bezug Digitalisierung entwickelt? Ist es für einen Softwareanbieter wie Sie wesentlich einfacher geworden oder bleibt es eher schwierig?

Richard Gerritsen: Wir haben kürzlich gemeinsam mit EPRA eine Umfrage zum Einsatz von Proptech in europäischen börsennotierten Immobilienunternehmen durchgeführt, und die Ergebnisse waren interessant. Vor 20 Jahren wurde die technologische Innovation als ein IT-Thema betrachtet, mit dem sich ein IT-Manager befassen musste und nicht der Verantwortliche für die Geschäftsstrategie. Inzwischen stufen 68 % der Befragten Technologie als ein wichtiges Geschäftsthema ein. Die Unternehmen erkennen heute, dass Technologie erforderlich ist, um ihr Geschäft besser zu führen.

Bei der Einführung von Proptech geht es nicht um die Auswahl eines funktionsorientierten Tools. Die Einführung von Proptech ist eine strategische Geschäftsentscheidung, die die Zukunft eines Unternehmens bestimmt. Die Arbeitsweise des gesamten Unternehmens wird dadurch verändert. Investitionen in Technologie sind von grundlegender Bedeutung, aber die Betriebe müssen bereit sein, diesen Prozess zu durchlaufen, bevor sie die andere Seite der Innovation erreichen können.

Allerdings räumen 46 % der Unternehmen der Einführung von Proptech im Vergleich zu anderen Geschäftsinitiativen keine hohe Priorität ein.

Es gibt also einen positiven Wandel, denn die Unternehmen erkennen das Potenzial der Digitalisierung, aber einige zögern noch mit der Umstellung, weil sie keine weiteren Lösungen mehr integrieren können.

Viele Unternehmen glauben, dass sie noch nicht bereit sind, auf die andere Seite der technologischen Innovation zu wechseln. Dies ist ein grundlegendes Problem, das wir ändern müssen. Wir müssen uns fragen: „Was kostet es mich, wenn ich nicht investiere?“. Wenn man sich diese Frage nicht stellt, beginnt man zu denken, dass technische Initiativen eine niedrige Priorität haben. Das macht es dann akzeptabel, dass Unternehmen nicht darauf vorbereitet sind. Die Frage „Was wäre, wenn?“ ist eine natürliche Entwicklung hin zur technischen Innovation.

HI HEUTE: Was hat sich inhaltlich an Ihrer Arbeit geändert? Gibt es neue Tools oder andere Services, die Sie als Unternehmen noch attraktiver machen?

Richard Gerritsen: Die Technologie von Yardi wird ständig weiterentwickelt und innoviert, und wir berücksichtigen die Bedürfnisse unserer Kunden, wenn wir unsere Services aktualisieren. Wenn wir über Yardi und die Immobilienbranche sprechen, geht es um Sie, nicht um uns. Die angebotene Technologie ist lediglich der Vermittler, aber bei Proptech geht es um Unternehmen, die bereit sind, sich zu verändern.

Wir haben gesehen, dass einige Verwalter begonnen haben, neben ihren gewerblichen Angeboten auch in den Bereichen flexibles Arbeiten und Wohnen tätig zu werden. Die Technologie von Yardi ist darauf ausgelegt, mit unseren Kunden zu skalieren. Zum Beispiel bietet Yardi Voyager einen ganzheitlichen Überblick über ihre Portfolios. Unsere anderen Lösungen wie Yardi Investment & Accounting können hinzugefügt werden, um komplexe Sachverhalte zu vereinfachen und eine bessere Berichterstattung zu ermöglichen. RentCafe hilft dabei, Immobilien zu vermarkten, Interessenten zu gewinnen, Mietverträge abzuschließen und die Kommunikation und Zahlungen mit einer mobilen App zu vereinfachen.

Yardi ist ein globales Unternehmen, und wir entwickeln Technologien für verschiedene Märkte auf der ganzen Welt. Es gibt keine Einheitslösung. Wir bieten die passenden Lösungen, die unseren Kunden ermöglichen, eine End-to-End-Plattform für eine reibungslose Erfahrung sowohl für Mitarbeiter als auch für Mieter zu schaffen.

HI HEUTE: Sie sind nun schon seit fast einem Jahrzehnt auf dem deutschen Markt tätig. Sind Sie mit der Gesamtentwicklung zufrieden, oder sehen Sie noch viel Potenzial für die Zukunft?

Richard Gerritsen: Die Produktakzeptanz nimmt weiter zu, weil immer mehr Unternehmen in Deutschland erkennen, dass die Digitalisierung eine strategische Geschäftsentscheidung sein sollte, wie die EPRA-Umfrage zeigt.

Da die Immobilienbranche die Vorteile von End-to-End-Lösungen wie die von Yardi, die speziell für Immobilien entwickelt wurden, erkannt hat, geht die Branche dazu über, Cloud-Technologien einzusetzen. In unserer letzten Umfrage mit EPRA gaben 60 % der Befragten an, dass die Technologie in den letzten fünf Jahren einen starken Einfluss auf die Unternehmensleistung hatte.

Darüber hinaus sind Unternehmen dabei, die Herausforderungen neuer Märkte zu meistern, was ihnen viel Wachstum und Möglichkeiten mit sich bringen kann.

Der deutsche Markt muss sich die Frage stellen: Was kostet es mich, wenn ich nicht investiere? Aber angesichts des Wandels in der Branche geht es nicht mehr darum, was wäre wenn, sondern wann. Bessere Technologie führt zu besseren Daten, die die betriebliche Leistung verbessern und Ihnen helfen, die ESG-Ziele zu erreichen und die Geschäftsprozesse zu optimieren.

HI HEUTE: Welche Rolle spielt ESG für Yardi?

Richard Gerritsen: Wenn man von ESG spricht, konzentriert man sich meist auf den Umweltaspekt, aber ESG steht für Environmental, Social und Governance bzw. Umwelt, Soziales und Unternehmensführung auf Deutsch.

Wir bei Yardi sind stolz auf unser Engagement für unsere Kunden und Mitarbeiter, unser gemeinnütziges Engagement und unsere kontinuierlichen Investitionen in Innovationen.

Im Jahr 2022 haben wir an die Umweltorganisation Nature Conservancy of Canada (NCC) gespendet, um sie bei dem größten privaten Naturschutzprojekts in der Geschichte des Landes zu unterstützen - dem Projekt „Boreal Wildlands“ im Norden Ontarios.

Wir haben eine Million US-Dollar für die Hilfsmaßnahmen gemeinnütziger humanitärer Hilfsorganisationen bereitgestellt, darunter UNICEF, das Rumänische Rote Kreuz, Direct Relief, ShelterBox, die sich für die ukrainischen Bürger einsetzen, die durch den Krieg zwischen Russland und der Ukraine vertrieben wurden.

In allen Regionen, in denen wir tätig sind, engagieren wir uns auch in den lokalen Gemeinden und spenden an gemeinnützige Organisationen, wie z. B. Flüsterpost e.V. in Deutschland, die Kinder unterstützt, deren Eltern an Krebs erkrankt sind.

Unser Unternehmensmotto lautet: Wir wollen für unsere Kunden und unsere Mitarbeiter sorgen, fokussiert bleiben und wachsen. Das ist im Moment wichtiger denn je.

 

HI HEUTE: Wie sehen die Pläne von Yardi für das Jahr 2023 angesichts des Wandels in der Immobilienbranche aus?

Richard Gerritsen: Das Gebäude der Zukunft ist bereits in Planung. Auf einer Veranstaltung, an der wir kürzlich teilgenommen haben, hieß es, dass im Jahr 2021 Immobilieninvestoren 40 % in Büros, 20 % in Industrie und 40 % in den Einzelhandel investiert haben. Im Jahr 2022 werden 20 % auf den Einzelhandel, 30 % auf Büros und 30 % auf Industrie entfallen, wobei die Nachfrage nach Investitionen in den Wohnungsbau steigt.

Da sich Verwalter und Investoren mit der Entwicklung der Immobilienbranche verändern, besteht unsere Strategie darin, weiterhin innovativ zu sein und eine Plattform zu schaffen, die für alle Arten von Immobilienangeboten von Investitionen, Gewerbeimmobilien und Einzelhandel bis hin zu Coworking und Wohnen geeignet ist.

Man kann die Nachfrage der Mieter nicht leugnen! Sie wünschen sich mehr Flexibilität und Dynamik, und wenn die Verwalter sich nicht mit der Branche weiterentwickeln, werden sie gegenüber der Konkurrenz den Kürzeren ziehen.

Erstellt von Thorsten Müller