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27. Dezember 2024

Einfachheit als Erfolgsrezept

EXKLUSIVER GASTBEITRAG VON ZUKUNFTSFORSCHER JAN BERGER (BERLINER DENKFABRIK THEMIS FORESIGHT)
Jan Berger

Im letzten HI HEUTE-Fachbuch TRANSFORMATION INNENSTADT schrieb ich über das soziale Auseinanderdriften in eine „Gesellschaft der Singularitäten“ und die Mehrheit, die mit den alltäglichen Herausforderungen von gestiegenen Preisen für Wohnen, Lebensmittel und Kinderbetreuung ringt. Diese Kluft ist in den vergangenen Monaten noch sichtbarer geworden und drückt sich inzwischen auch deutlich in Wahlergebnissen aus. Während eine kleine Gruppe ihren Fokus auf Individualität und Exklusivität legt, steht die breite Mehrheit unter einem wachsenden wirtschaftlichen Druck, der klare und bezahlbare Lösungen verlangt.

Diese Dynamik spiegelt sich auch im Einzelhandel wider: Die Nachfrage nach einfachen, übersichtlichen und erschwinglichen Angeboten nimmt zu. Gleichzeitig bietet diese Entwicklung eine Chance, den Handel zu einem Ort der Begegnung und der sozialen Teilhabe zu machen.

Belebung durch Vereinfachung: Einzelhandel neu gedacht

Die Innenstädte Deutschlands haben in den letzten Jahren an Attraktivität verloren. Innovative Konzepte, die auf Einfachheit setzen, können hier Abhilfe schaffen. Darin bieten Pop-up-Stores und kompakte, multifunktionale Flächen ein übersichtliches Angebot und laden gleichzeitig zum Verweilen ein.

In Städten wie Berlin und Hamburg entstehen Pilotprojekte, die auf kleine, kuratierte Sortimente setzen, um die Einkaufsentscheidung zu erleichtern. Diese Modelle sprechen vor allem Konsumenten an, die eine klare, stressfreie Alternative zum überladenen Sortiment der großen Handelsketten suchen. Ein gastronomisches Beispiel dafür liefern die Pariser Bouillons, die mit simplen Menüs und erschwinglichen Preisen nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sind, sondern auch soziale Treffpunkte schaffen. Inspiriert von den Bouillons des 19. Jahrhunderts, die erschwingliche Speiselokale für Arbeiter waren, haben moderne Einrichtungen wie das Bouillon Pigalle am Fuße des Montmartre dieses Konzept wiederbelebt.

Sie bieten einfache, herzhafte Gerichte zu niedrigen Preisen. Steak frites und Boeuf Bourgignon sind dort für jeweils 12,80 Euro oder 12,20 Euro erhältlich und liegen damit preislich bei einem BigMac-Menü bei Mc Donald’s (wenn man es denn schafft, sich durch die vielen Buttons und Zusatzoptionen am Bestellautomaten stressfrei durchzuklicken. Bouillon Pigalle zieht damit eine vielfältige Kundschaft an, die traditionelle französische Küche ohne hohe Kosten sucht. Solche Ansätze können eine Inspiration sein, wie Innenstädte und der Einzelhandel in Deutschland neu belebt werden können. Und was spricht schon gegen einen guten Leberkäs oder Kassler mit Bratkartoffeln und Sauerkraut?

Nachhaltigkeit muss leicht gemacht und erschwinglich sein

Nachhaltigkeit bleibt ein zentrales Thema im Handel – getrieben durch Regulatorik, aber durchaus auch mit weiterhin hohen Werten einer nachhaltig orientierten Kundschaft. Eine Studie Mitte 2024 vom Handelsverband Deutschland (HDE) und dem Handelsforschungsinstitut IFH legt nahe, dass nachhaltige Ware vor allem in Supermärkten (66,7 Prozent) und Discountern (57,9 Prozent) gefragt sind.
Doch steigt die Preissensibilität, weshalb Eigenmarken sich mit 85 Prozent großer Beliebtheit erfreuen. Auch hier können Einzelhändler durch reduzierte Produktpaletten nachhaltige Entscheidungen erleichtern. Weniger, aber hochwertigere Produkte schaffen Vertrauen und vermeiden Überangebot. Händler wie Alnatura oder Unverpackt-Läden setzen auf Klarheit: ein fokussiertes Sortiment, das ökologischen und sozialen Standards entspricht, reduziert nicht nur Komplexität, sondern auch die Kosten entlang der Lieferkette.

Intelligente Vereinfachung

„Intelligente“ Systeme spielen eine entscheidende Rolle bei der Optimierung von Sortimenten. Durch die Analyse von Verkaufsdaten können Händler verstehen, welche Produkte wirklich gefragt sind, und darauf basierend ihr Angebot anpassen. Was träge läuft, sollte aus dem Sortiment genommen werden.

KI-gestützte Lösungen wie personalisierte Produktempfehlungen oder automatisierte Bestandsüberwachung tragen dazu bei, Überfüllung zu vermeiden und gleichzeitig die Kundenzufriedenheit zu steigern. Intelligente Systeme schaffen also die Grundlage für einen übersichtlichen und effizienten Handel.
Vor allem aber ermöglicht die Digitalisierung Einzelhändlern, Prozesse zu vereinfachen und Kosten zu senken. Omnichannel-Strategien verbinden Online- und Offline-Kanäle, um ein nahtloses Einkaufserlebnis zu bieten. Ein Beispiel ist Click-and-Collect, das Kunden eine einfache und flexible Abholung ihrer Bestellungen ermöglicht.
Zusätzlich helfen digitale Tools, die interne Organisation zu straffen: von cloudbasierten Systemen für Lagerhaltung bis hin zu optimierten Bezahllösungen. Diese Technologien sparen Zeit und Geld – Vorteile, die letztlich die Margen verbessern und an die Kunden weitergegeben werden können.

Einfachheit als Zukunftsstrategie: Das Standardsegment wächst wieder!

Die Zukunft des Einzelhandels in Deutschland liegt in der Fähigkeit, komplexe Strukturen zu reduzieren und den Fokus auf das Wesentliche zu legen. Ob durch kleinere, klar kuratierte Sortimente, die Integration von Nachhaltigkeit oder den Einsatz modernster Technologien: Einfachheit ist das Erfolgsrezept. Händler, die den Mut haben, sich von überteuertem Überangebot zu verabschieden und stattdessen auf Effizienz und Klarheit zu setzen, werden die Gewinner von morgen sein. Denn in einer Zeit, in der Komplexität den Alltag dominiert, ist Einfachheit mehr denn je gefragt. Wenn vor zehn Jahren noch die Flucht ins individualisierte Werte-aufgeladene Premium-Segment Händlern enorme Vorteile bot, dann heißt es jetzt: Standard und Economy sind zurück!

ZUR PERSON:

Jan Berger ist Gründer und Geschäftsführer der Berliner Denkfabrik Themis Foresight, die Unternehmen bei der Entwicklung ihrer Langfriststrategien begleitet. Der Historiker startete seine Karriere in der Verlagswirtschaft und verantwortete jahrelang das Osteuropageschäft eines dänischen Immobilienentwicklers. Anfang der 10er-Jahre leitete er die Produktentwicklung eines Startups, dass sich auf robotische Prozessautomatisierung spezialisierte. Seit 2014 widmet er sich der Zukunftsforschung für Unternehmen und arbeitet für Kunden im Handel, in der Finanz-, Mobilitäts-, Energie- und Lebensmittelwirtschaft. Er ist Autor und Co-Autor zahlreicher Zukunftsstudien und Co-Autor zweier Bücher zur Zukunft von Arbeit.




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