Beim GCSC-Forum „Recht-Architektur-Projektentwicklung“ in Hamburg diskutierten Experten über das Zusammenspiel von Einkaufszentren und urbanem Raum.

Erfreuten sich hochinteressanter Ausführungen: die Teilnehmer des GCSC-Forums "Recht - Architektur - Projektentwicklung" in Hamburg: Foto: GCSC

Als Dr. Johannes Grooterhorst wieder einmal das Buch „Das Paradies der Damen“ in die Hände fiel, war ihm schlagartig klar, wie er das Forum „RAP – Recht-Architektur-Projektentwicklung“ eröffnen würde. Nicht mit Verweisen auf Zahlen, Fakten oder Studien – sondern mit einem Bezug auf den Text, den der französische Autor Émile Zola vor mehr als 130 Jahren zur Entstehung des modernen Einzelhandels verfasst hat. 

 

„Leuchtturm oder Integration – Wie hätten Sie es gern?“: So war das vom German Council of Shopping Centers veranstaltete Forum überschrieben, das  unlängst in Hamburg stattgefunden hatte. Es ging bei der zweiten Auflage der Veranstaltung um wichtige Zukunftsperspektiven der Handelsimmobilienbranche. Und um einen Blick auf eben diese zu ermöglichen, schaute der Düsseldorfer Rechtsanwalt Dr. Johannes Grooterhorst zunächst auf das Frankreich des späten 19. Jahrhunderts.

 

„Die Elemente der Debatte der vergangenen Jahre über die Herausforderungen des stationären Einzelhandels scheinen neu zu sein, weil das Medium des Online-Handels neu ist. Solche Auswirkungen und Neuerungen hat es aber jederzeit und früher schon gegeben“, sagte Rechtsexperte Dr. Johannes Grooterhorst bei der Begrüßung der rund 40 Teilnehmer in den „Tanzenden Türmen“ an der Hamburger Reeperbahn. „Den Kampf um den Kunden gab es bereits zu Beginn des modernen Einzelhandels, und er wurde mit allen Mitteln geführt.“

 

Émile Zola erzählt in seinem Roman die Geschichte der Verkäuferin Denise. Sie verlässt ihre Heimat in der Provinz, geht nach Paris und findet dort eine Anstellung im „Paradies der Damen“. Das schwer angesagte Kaufhaus lockt die Kunden. Es wächst. Bald dominiert es seine Umgebung. Und die umliegenden Geschäfte der Kleinhändler gehen den Bach runter. Der Leuchtturm hat in diesem Fall also dafür gesorgt, dass in der Umgebung die Lichter ausgehen.

 

Es mag sein, dass die Strahlkraft eines Leuchtturm-Projekts alles andere in den Schatten stellt. Das muss aber nicht so sein. Es ist möglich, den Leuchtturm in sein Umfeld zu integrieren, so dass am Ende alles ein bisschen heller glänzt.

 

„Leuchtturm und Integration – das muss kein Widerspruch sein“, sagt auch Markus Lentzler, Managing Director bei der ECE Projektmanagement, mit Blick auf die Planung und den Bau neuer Einkaufsorte. „Übertragen auf die Center-Welt heißt dies, dass wir künftig eine stärkere Öffnung in Richtung Stadtraum erleben werden, sofern die Bedingungen dafür stimmen.“ Gebaut werde schließlich für die Stadt, die Menschen und den Handel. Und die Interessen und Anforderungen der einzelnen Akteure müssten dabei immer im Einzelfall berücksichtigt werden.

 

Leuchttürme werden von Architekten entworfen. Durch den Ansatz, den sie für ihre Arbeit wählen, stellen sie die Weichen für das spätere Erscheinungsbild. Mit „Center sind Hingucker“ betitelte Markus Sporer, Architekt und Inhaber von „CROSS Architecture“, seinen Vortrag über den theatralischen Ansatz beim Bauen. Matthias Pfeifer, Geschäftsführender Gesellschafter bei RKW – Rohde, Kellermann, Wawrosky, sprach über den symbiotischen Ansatz: „Center sind Teil der Stadt“. Was vordergründig vielleicht nach Widerspruch klingen mag, hat doch Gemeinsamkeiten: „Architektur muss immer einen Bezug zum Standort haben“, so die Experten.

 

Uwe Seidel, Geschäftsführender Gesellschafter bei der Unternehmens- und Kommunalberatung Dr. Lademann und Partner, ging beim Forum der Frage nach „Was bringt Integration?“ – und er zeigte auf, dass der Bau eines Centers in vielen Fällen positive Einflüsse auf die Umgebung haben kann. Bestätigung aus der Praxis kam von Martin Bieberle, dem Fachbereichsleiter „Strategie- und Bürgerservice“ im Rathaus von Hanau. Die hessische Stadt hat seit dem Jahr 2008 eine bundesweit beispiellose Innenstadtsanierung erlebt. Die Frage „Leuchtturm oder Integration“ stellt sich hier also nicht – in Hanau ist die gelungene Integration selbst zum Leuchtturm geworden. Nicht nur Markus Lentzler von der ECE spricht von einem sehr guten Beispiel.

 

Erneut gab es beim Forum in Hamburg Einblicke in aktuelle rechtliche Themen. Rechtsanwalt Dr. Johannes Grooterhorst stellte einige neue erstinstanzliche Gerichtsentscheidungen vor, die – wenn sie in der Berufung Bestand haben sollten – Auswirkungen auf die Genehmigungsfähigkeit von Shopping- und Fachmarktzentren und deren Erweiterung nach § 34 BauGB haben könnten. Nach Ansicht des Verwaltungsgerichts Schleswig muss die Genehmigungsbehörde nicht in jedem Fall ein Verträglichkeitsgutachten zur Beurteilung schädlicher Auswirkungen auf zentrale Versorgungsbereiche einholen oder zur Entscheidungsgrundlage machen. Das Verwaltungsgericht Stuttgart ist der Auffassung, dass für die Errichtung eines Einkaufszentrums immer ein Bebauungsplan erforderlich ist. „Den Berufungsentscheidungen zu diesen fragwürdigen Urteilen darf mit höchstem Interesse entgegengesehen werden“, sagt Dr. Johannes Grooterhorst.

 

Die Teilnehmer des Forums in Hamburg erlebten angeregte Diskussionen. „Wir haben gesehen: Die Themen, die wir in Hamburg angeschnitten haben, beschäftigen die Branche“, sagt Harald Ortner, der Geschäftsführer der HBB Hanseatische Betreuungs- und Beteiligungsgesellschaft. Dass der Blick auf diese Inhalte aus verschiedenen Blickwinkeln stattfinde und ergänzt werde, mache den besonderen Reiz der Veranstaltung aus. „Bei den Gesprächen ist deutlich geworden, dass es nicht um die Frage gehen kann, was besser ist – Leuchtturm oder Integration. Es braucht von allem etwas“, sagt HBB-Geschäftsführer Harald Ortner und betont, dass dabei stets im Blick behalten werden solle, welche Möglichkeiten der Standort eröffne.

 

Vielseitigkeit erscheint ohnehin als das Gebot der Stunde. Nicht nur bei der Planung, sondern auch bei der Reaktion auf die Interessen der Kunden. Sie wollen, dass ihnen beim Einkauf Abwechslung geboten wird – das hat schließlich schon Émile Zola in seinem Roman „Das Paradies der Damen“ beschrieben. 

Erstellt von Tobias Appelt